GEOGRAPHISCH - ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL

SOCIETE DE GEOGRAPHIE ET
D ETHNOLOGIE DE BALE

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47/1 2006: Bewegung

Bewegung

Christin Kocher Schmit

Einführungstext zu dieser Publikation zu Ehren von Christian Kaufmann, welcher kürzlich pensioniert wurde.


Wenn die Insel zur Bühne wird. Tänze auf der Südseeinsel Tanna, Vanuatu          

Raymond Ammann

Die mündliche Überlieferung der Südseeinsel Tanna erzählt von einem tief greifenden vorkolonialen Wandel in der lokalen Gesellschaftsform. Irgendwann vor der Zeit des “first contact” änderte sich das egalitäre Zweiklassensystem in ein hierarchisches Dreiklassensystem. Diese Veränderung wirkte sich auf die Gabentauschzeremonien und die dazugehörigen Tänze aus. Formale Unterschiede der noch heute gebräuchlichen Tänze deuten auf verschiedene Ursprünge hin. Die Tänze des frühen Zweiklassensystems widerspiegeln in ihrer Form die Egalität der beiden Klassen. Davon unterscheiden sich nicht nur die Form der Tänze des späteren Dreiklassensystems, sondern auch deren Aussage und Bedeutung. Die Verbundenheit zur Erde respektive zum aktiven Vulkan der Insel dominiert aber als choreographisches Element in beiden Tanzformen.


Federkleid aus Blättern: tubuan-Tänze und Vogelsymbolik auf Anir (New Ireland Province, Papua New Guinea)

Antje Denner

Tubuan-Masken gehören zu den bekanntesten Vertretern melanesischer Kunst und sind in vielen Museen ausgestellt. Im Zentrum des vorliegenden Beitrags stehen die Bezüge zwischen tubuan-Masken und Vögeln, wie sie sich aus der Form der Maskenkostüme, den Tanzauftritten der Träger und den dabei vorgetragenen Liedern ergeben. Unter Berücksichtigung relevanter, älterer Literatur wird speziell der aktuelle Gebrauch der Masken im Süden Neuirlands untersucht.


Die Seele des Kontinents. Zur Reflexion australischer Identität in Peter Sculthorpes Streichquartett “Jabiru Dreaming”

Michael Schneider

Die Musik des australischen Komponisten Peter Sculthorpe (geb. 1929) zeugt von einer starken Identifikation mit den Besonderheiten und dem kulturellen Erbe dieses Kontinents. Sein 11. Streichquartett, “Jabiru Dreaming” aus dem Jahr 1990, reflektiert auf exemplarische Art und Weise indigenes Erbe, australische Landschaft und Identität. Inspiriert vom Kakadu National Park im Northern Territory, verweist es auf traditionelle Musik der Aborigines und stellt symbolische Bezüge zu Eigenschaften von Landschaft und Fauna her.


Amazonen und Inder im spätantiken Ägypten. Gewirkte Tunikafragmente des Museums der Kulturen Basel

Maya Müller

In der unpublizierten Sammlung archäologischer Textilien aus Ägypten im Museum der Kulturen befinden sich gewirkte Bilder von zwei Tuniken aus dem frühbyzantinischen Ägypten, vermutlich aus dem 5./6. Jh. n. Chr., mit ganz ungewöhnlichen mythologischen Darstellungen, die bisher nicht gedeutet worden waren. Die Untersuchung zeigt, dass es sich um Siege über Amazonen und Inder handelt, und zwar sind die beiden Völker bzw. Ereignisse auf demselben Bild nicht nur räumlich nebeneinander gestellt, sondern auch ihrer inhaltlichen Bedeutung nach miteinander verbunden.


Wenn jemand eine Reise tut, …Kofferetiketten aus der Europa-Sammlung des Museums der Kulturen

Dominik Wunderlin

Etwa 300 Sammler soll es weltweit geben, die sich einem Thema verschrieben haben, das von der Europäischen Ethnologie und insbesondere auch von der allerdings relativ jungen volkskundlichen Tourismusforschung bislang kaum beachtet wurde. Die zum Schmucke des Reisegepäcks geschaffenen Kofferetiketten erfüllten mehrere Funktionen: Sie waren ein überaus günstiges Werbemittel für den Beherbergungsbetrieb und sagten zugleich viel über den finanziellen Status des Trägers und seine Weltläufigkeit aus. Den heutigen Betrachter lassen die teilweise von grossen Könnern geschaffenen Kleber in Gedanken in Zeiten entführen, in denen das Reisen noch umständlicher und zeitintensiver war.


Moving postcards: Bewegt und bewegend. Dynamische Aspekte in historischen Postkarten aus Ozeanien

Nicole Peduzzi

Was kann uns eine Postkarte erzählen? Im folgenden Artikel wird die soziale Biografie einer historischen Postkarte aus Ozeanien rekonstruiert, indem sie als “bewegtes” und “bewegendes” Objekt präsentiert wird. Manchmal sind die Indizien auf Postkarten für den Forscher klar zu lesen, manchmal sind sie dagegen nur sehr schwierig zu entziffern. Ob die einzelne Karte in einer Archivkiste aufbewahrt, als Lesezeichen in einem Buch ihr Dasein fristet oder an eine Wand geheftet wird, sie behält jederzeit das Potenzial viele Geschichten zu erzählen, Geschichten, in denen die Veränderung von Bedeutungen und Intentionen dokumentiert ist.


Kulturgüter-Repatriierung im 21. Jahrhundert

Richard Kunz

In den neunziger Jahren war die Restitution von Kulturgut ein viel diskutiertes Thema. Mit der zunehmenden Verbreitung des Internet und der einsetzenden Digitalisierung von musealen Sammlungsinventaren wird auch das Veröffentlichen der Sammlungsbestände via Internet als eine Art der virtuellen Kulturgüterrückführung vermehrt gefordert. Damit dieses Ziel auf sinnvolle und gewinnbringende Art realisiert werden kann, sind jedoch Investitionen, aufwändige Vorarbeiten und ein Umdenken in Bezug auf die wissenschaftliche Dokumentation unumgänglich.


Wenn Objekte interkontinental reisen …  Ein Essay über das Sammeln exotischer Artefakte

Maria Angela Algar

Von alleine bewegen sich Dinge nicht. Ungeachtet dessen, was manche Spiritisten und Parapsychologen glauben mögen, bedarf es tatkräftiger Hände, damit sich Gegenstände von einem Fleck zum andern bewegen. Gelangen Objekte gar aus einem fernen Kontinent zu uns, ist dies selbstredend kaum jemals möglich ohne organisatorische und logistische Anstrengungen. Nach einer kürzeren oder längeren Wanderschaft enden fremdländische Artefakte an Orten, an denen sie gewöhnlich Staub fangen, bestenfalls bewundert werden, immer aber irgendwie fremd bleiben.


Grenzverkehr zwischen Eigenem und Fremdem – Religiöse Rituale ausstellen

Gaby Fierz

Die Ausstellung “Feste im Licht. Religiöse Vielfalt in einer Stadt” (7. November 2004 bis 16. Mai 2005) hat im Spannungsfeld zwischen gesellschaftspolitischer Bedeutung, individuellen Lebenswelten und integrationsstiftender Funktion von Religion und Religiosität angesetzt, indem sie eine Bühne bot, auf der alle beteiligten Religionsgemeinschaften gleichwertig dargestellt wurden. Ausgangspunkt für die Präsentation der Lichterfeste waren museologische Konzepte, die Museen neben dem Bewahren und Konservieren auch als Agenturen der Perspektivierung und Sinnproduktion und nicht nur als Orte des Wissens, sondern auch als Orte des Befremdens, der Irritation und der Infragestellung des Gewohnten sehen. Ausgehend von einem demokratischen Museumsverständnis entstand die Ausstellung in einem partizipativen und integrativen Prozess zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der verschiedenen Religionsgemeinschaften.


Dorfgemeinschaften in Aktion:  Das Museum der Kulturen Basel als Partner bei der Erarbeitung von Ausstellungskonzepten in Oaxaca, Mexiko

Alexander Brust

Im südmexikanischen Bundesstaat Oaxaca betreiben Dorfgemeinschaften ihre eigenen Museen, um ihr Kulturerbe vor Ort zu bewahren und einem Publikum zugänglich zu machen. Die einzelnen Ausstellungen entstehen in einem partizipativen Prozess zwischen Mitgliedern der Dorfgemeinschaften in Zusammenarbeit mit externen Beratern. Aus einem Workshop zu Change-Management resultierte der Vorschlag, gemeinsam mit dem Museum der Kulturen Basel eine Ausstellung als Reflexionsmedium über Kulturwandel zu erarbeiten. Eine derartige Zusammenarbeit ist eine langfristige Herausforderung, der sich ein Völkerkundemuseum heute stellen muss.