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Ethnologie in Basel - Meinhard Schuster zum 70. Geburtstag
Christian Kaufmann
Acht gegenwärtige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Ethnologischen Seminars skizzieren in diesem Band ihre Wahrnehmung dessen, was Ethnologie in Basel heute bedeutet und was sie leistet. Drei Dinge springen dabei ins Auge: Die acht Positionen bestimmen zusammen genommen ein weitaus markanteres Profil der Disziplin in Basel, als dies die Öffentlichkeit wahrnimmt - der einleitende Beitrag versucht, dies zu verdeutlichen. Zum Zweiten wird klar, dass in den Arbeiten und Projekten der Basler Ethnologie der Elfenbeinturm einer solitären Universitätswissenschaft längst verlassen worden ist. Und schliesslich springen bei aller Unterschiedlichkeit der Ansätze und der Methoden einige Konstanten des Denkens und der Praxis von Meinhard Schuster ins Auge, zu dessen 70. Geburtstag und Abschied von der Lehrtätigkeit dieses Zustandsprotokoll entstanden ist - Anlass genug, auch das Engagement des Jubilars für das Museum der Kulturen und dessen Anteil an der ethnologischen Arbeit in Basel festzuhalten.
Von der Beobachtung zur Teilnahme
Annemarie Seiler-Baldinger
1973 führte meine erste Feldforschung, ein interdisziplinäres, internationales Projekt unter Beteiligung des SNF (SEG/SSE 1975), an den Oberen Amazonas, wohin ich in den folgenden Jahren mehrfach zurückkehrte. Sie stand ganz unter dem methodischen Ansatz der teilnehmenden Beobachtung. Mit dem Wechseln des Arbeitsgebietes nach Venezuela änderte sich auch der Blickwinkel. Fortan war es die indianische Bevölkerung, insbesondere eine ethnische Minderheit, die mir im Laufe der Jahre auf sanfte Weise Hausaufgaben diktierte und mich aktiv in ihr Leben integrierte.
Ethnologie und Literatur. Literarische Darstellungsformen in ethnologischen Texten
Florence Weiss
Seit dem Beginn der modernen Ethnologie lassen sich zwei unterschiedliche Darstellungsweisen in der ethnologischen Berichterstattung erkennen. Die AutorInnen der einen Gruppe stellen die Resultate ihrer Forschung in einem streng wissenschaftlichen Bericht, in rein wissenschaftlicher Sprache dar. Diese Auffassung hat weit reichende Folgen. Sie klammern die eigene Person aus, die Personen, von denen sie ihre Informationen erhalten haben, kommen nur am Rande vor, und sie verzichten darauf, die fremden Verhältnisse anschaulich darzustellen. Die andern AutorInnen, welche einen lebhaften Eindruck der Forschungsbedingungen und der fremden Verhältnisse vermitteln wollen und ihren GesprächspartnerInnen mehr Platz einräumen oder gar selbst als Akteure auftreten, bedienen sich literarischer Darstellungsformen. Diese Formen bauen sie in einem sonst in wissenschaftlicher Sprache geschriebenen Text als Einschübe ein.
Kumasi Gansurugu Ouagadougou. Eine westafrikanische Migrationsgeschichte
Lilo Roost Vischer
Im folgenden Artikel wird Salif Simbre aus Burkina Faso portraitiert. Mit 17 Jahren nahm er den klassischen Weg vom Dorf in die Stadt unter die Füsse. Bereits sein Grossvater und sein Vater verliessen auf der Suche nach einem besseren Leben den heimischen Hof. Trotz der räumlichen Trennung sind die verwandtschaftlichen Beziehungen zentral. Ich lerne Salif 1983 in Ouagadougou kennen, im Verlauf verschiedener Forschungsaufenthalte (vgl. Roost Vischer 1997) und Besuche wird er zu einem engen Familienfreund und Bruder. Im Frühling 2000 rekonstruieren wir in Basel seine Migrationsgeschichte.
Glaube oder Wissen? Oder glauben an Wissen? Zum Umgang mit Gesundheit und Krankheit aus ethnologischer Sicht
Brigit Obrist van Eeuwijk
Welche Rolle spielen “Glaube” und “Wissen” im Umgang mit Gesundheit und Krankheit? Dieses Thema hat bereits Generationen von Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen beschäftigt. Während in der Ethnologie zuerst der Glaube und dann das Wissen im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stand und die beiden Begriffe in der Gesundheitsforschung einander oft gegenübergestellt wurden, drängt sich heute eine andere Sichtweise auf. Wollen wir untersuchen, was die Menschen beispielsweise in einem Land wie Tansania beschäftigt, müssen wir uns damit befassen, was “glauben an Wissen” in der alltäglichen Lebenspraxis bedeutet.
Émergence d’une société civile au Kirghizstan? Point de départ d’une recherche
Caroline A. Eichenberger
Zusammenfassung
Kirgistan, einer der neu gegründeten zentralasiatischen Staaten, steht heute einer mehrfachen Herausforderung im sozialen, ideologischen, politisch-strategischen und ökonomischen Bereich gegenüber. Der von den Behörden initiierte Prozess der Demokratisierung und Privatisierung stimulierte das Engagement zahlreicher internationaler Organisationen. Dieser Artikel geht der Frage nach, inwieweit mit der Adoption eines ‘civil society’ Modells nicht ein Modell sozialer Interaktion importiert wird, welches im wesentlichen westlicher Prägung ist.
Résumé
Devenu un état indépendant après l’effondrement de l’URSS en même temps que les quatre autres républiques d’Asie Centrale, le Kirghizstan fait face à un multiple défi, à la fois identitaire, idéologique, politique, stratégique, économique et social. Les autorités s’engagent rapidement dans des processus de démocratisation et de privatisation, qui engendrent l’arrivée en masse de représentants d’agences internationales et d’organisations de développement. Encouragés, les Kirghizes osent peu à peu créer des coopératives et divers types d’organisations non-gouvernementales, créant une société civile à la croisée d’un destin de nomades sédentarisés et de nouveaux citoyens d’une ancienne nation en quête d’un retour à leur droits humains dans un contexte économico-politique toujours plus difficile.
Ordnung im St. Johann Soziale Beziehungen und Gruppenbildung in einem Basler Quartier
Rebekka Ehret
In der Ethnologie verstehen wir Raum immer als etwas kulturell Geprägtes, das wahrgenommen wird durch eine Brille, deren Gläser von der gesamten Lebenswelt “der Schauenden” geschliffen wurden und werden. Die sozialen Akteure, durch deren “Brillen” wir im Folgenden das Quartier St. Johann betrachten wollen, sind die Quartierbewohnerinnen und -bewohner. Bei der Betrachtung wird ersichtlich, dass sozio-kulturelle Klassifikationen nicht ausschliesslich aufgrund des herkömmlichen Kriteriums ethno-nationale Zugehörigkeit gemacht werden, sondern dass bei der Gruppenzuschreibung vor allem transkulturelle, konventionelle Vorstellungen von Ordnung zum Tragen kommen.
Amboss und Gebläse
Ein historisches Photo aus Westneuguinea
Andrea Schmidt
Die Verbreitung der Kenntnis der Eisenbearbeitung in Neuguinea vor der direkten europäischen Kontaktzeit gehört zu den ethnologischen Bereichen, denen, auch aus wissenschaftshistorischen Gründen, relativ wenig Beachtung geschenkt wurde. Um so wertvoller sind heute noch feststellbare Daten, die der über vierhundert Jahre alten Geschichte dieser Technik in Neuguinea hinzugefügt werden können. Solchen Angaben, meist nicht spezifisch unter diesem Thema gesammelt, mangelt es allerdings häufig an den nötigen Informationen zu ihrer Erhebung, die sie für die historische und ethnologische Analyse per se auswertbar machen. Dies macht ihre Aufbereitung nötig, bei der alle ethnologischen Arbeitsbereiche gefordert werden, um letztendlich zu einem kohärenten Bild des Eisen-Komplexes in Neuguinea beizutragen.
Ethno-Food und Tribals. Überlegungen zum Gebrauch und Missbrauch eines Begriffes
Nigel Stephenson
Das breite und vor allem vielschichtige Arbeitsfeld der Ethnologie wird in der breiten Öffentlichkeit weder überblickt noch verstanden. Im öffentlichen Diskurs haben lediglich die Begriffe “ethnisch” und “Ethno-” Eingang gefunden. Der erste ist politisch und negativ konnotiert, letzterer wird als Etikett in der bunten Konsumwelt verwendet. Der nachfolgende Artikel versucht die Bedeutungsfelder dieser beiden Begriffe nachzuzeichnen und kommt zum Schluss, dass hier althergebrachte Stereotypen wirksam werden, die die fremden “Anderen” entweder als barbarische Wilde oder als ungetrübte Naturmenschen darstellen.
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