Als das Nahe fern und das Ferne nahe rückte - Der Wandel von Sozialität und Vertrauen in Zeiten der Krise Donnerstag, 15. März 2007

Als das Nahe fern und das Ferne nahe rückte - Der Wandel von Sozialität und Vertrauen in Zeiten der Krise

Prof. Dr. Till Förster

Ethnologisches Seminar Universität Basel

Globalisierung ist ein Prozess, der nicht einheitlich ist: Wo immer sich Globalisierungsprozesse vollziehen, treffen sie auf Gesellschaften, die ihre je eigenen, lokalen Kulturen besitzen. Das Neue und das Globale werden aus der Perspektive des Lokalen wahrgenommen, und dementsprechend vielfältig ist der Umgang der Menschen mit dem, was ihnen aus der Welt entgegen tritt. Gleichwohl lassen sich in Globalisierungsprozessen Tendenzen ausmachen, die allem Anschein nach allgemein gültig sind. Dazu gehört die 1990 von Anthony Giddens brillant beschriebene, aber als Konsequenz der Moderne verstandene time–space distanciation. Raum und Zeit sind demnach nicht mehr an einen Ort gebunden. Mithin trennt sich auch das Soziale von einem spezifischen Ort. Anders formuliert: Das Lokale ist zunehmend durch ferne soziale Ereignisse bestimmt. Was wir einst nur in der Nähe des persönlichen Austausches erleben konnten, wird mehr und mehr durch Interaktionen über grosse Entfernungen ersetzt. So ist es uns zum Beispiel nicht nur wichtiger, sondern auch völlig alltäglich, uns mit Angehörigen und Freunden auszutauschen, die sich vielleicht gerade Tausende von Kilometer entfernt aufhalten als mit den Nachbarn im Haus nebenan.

Oft wird angenommen, dass afrikanische Gesellschaften von diesem Wandel unberührt seien. Doch das ist ein Irrtum. Gerade afrikanische Gesellschaften, die oft eine über die ganze Welt verstreute, aber vor allem in den Ländern des Nordens lebende Diaspora besitzen, vollziehen diesen Wandel schneller als man gemeinhin annimmt. An ihnen lässt sich deutlicher ablesen, was diese Prozesse auszeichnet, als in Gesellschaften, die bereits lange über verlässliche andere Kommunikationsmittel verfügen. Eine besondere soziale Situation sind jedoch Krisen, also gesellschaftliche Situationen, in denen es besonders darauf ankommt, verlässliche Beziehungen zu Mitmenschen aufrecht zu erhalten, die einem notfalls helfen können wenn man Hilfe bedarf. Wie also lässt sich Vertrauen aufbauen oder erhalten, wenn sich die eigene Erfahrung nicht mehr nur an dem orientieren kann, was man selbst sieht und hört? Diese Frage ist für viele Menschen in Krisengebieten exis-tentiell. Doch sie ist auch eine sozial-wissenschaftliche Frage, die mit grundlegenden theoretischen und methodologischen Problemen verknüpft ist. Dieser Vortrag versucht nicht eine allgemeine Antwort auf die Frage zu geben, er will vielmehr anhand eines afrikanischen Beispiels zunächst deren theoretische Reichweite und praktische Bedeutung ausloten.

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