Nr. 58/1

Nr. 58/1

Grenzstädte am Oberrhein

Die vorliegende Ausgabe

widmet sich den Grenzstädten am Oberrhein und geht der Frage nach, wie sich das Vorhandensein politischer Grenzen auf die planerische und wirtschaftliche Entwicklung einer Region auswirken: Den Problemen, die einer grenzübergreifenden Lösung bedürfen steht dabei eine besondere Dynamik, welche eng verflochtene transnationale Industrieregionen wirtschaftlich vorteilhaft und als Lebensraum attraktiv machen, gegenüber

 

 

 

Vom Glück der Grenze - Grenzlage und lndustrialisierung im Dreiland.

Robert Neisen

Mit handelspolitischen Grenzen werden in erster Linie Behinderungen des Warenverkehrs und damìt einhergehende Wohlstandsverluste verbunden. Doch können gerade Grenzregionen erheblich von wirtschaftlichen Barrieren profitieren. Wie das Beispiel des Dreilands zeigt, waren es die besondere Grenzlage und der Impuls, die wirtschaftlichen Grenzen im Dreiländereck zu überwinden, die in den Jahren 1746 bis 1914 zur Industrialisierung der Region führten. Die Ereignisse der Jahre 1914 und 1945 machen aber auch deutlich, dass entwickelte, eng verflochtene transnationale Industrieregionen besonders unter wirtschaftlichem Nationalismus leiden. Die Erfolgsrezeptur für eín ökonomisch erfolgreiches Grenzland, so die Hypothese dieses Beitrags, liegt daher ín einem moderaten Grenzregime, das einerseits genügend Anreize zur Grenzüberschreitung liefert, andererseits den Waren- und Personenverkehr nicht zu sehr einschränkt.

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Die Grenzstadt Kehl am Rhein - 
Stadtentwicklung im Kontext grenzübergreifender Zusammenarbeit.

Marc Funk

Grenzorte und Grenzregionen spielen eine besondere Rolle. An den Nahtstellen von Nationalstaaten treffen unterschiedliche Raumstrukturen und politische Systeme aufeinander. Die Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich sind dank des europciischen Integrationsprozesses durchlässiger geworden. Hemmnisse im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich konnten abgebaut werden. Die Stadt Kehl am Rhein profitiert deutlich von der vielfältigen Zusammenarbeit mit Strassburg. Die Entwicklung der badischen Grenzstadt ist eng mit der Entwicklung der Europastadt Strassburg verbunden. Die Kooperation mit dem französischen Nachbarn erweist sich regelrecht als Impulsgeber für die Entwicklung Kehls. 

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Strassburg - Kehl. Brüche, Annäherung und Entfremdung.

Rudolf Michna

Nachdem seit dem 17. Jh. Strassburg und Kehl durch ihre Grenzlage mehrfach in die Konflikte und gewaltsamen Konfrontationen zwischen Frankreich und Deutschland verwickelt worden waren, hat sich heute durch die deutsch-französische Aussöhnung und den Abbau der Binnengrenzen in der EU ihre zentrale Lage im europäischen Wirtschaftsraum zu einem Standortvorteil entwickelt. Beide Städte verbindet inzwischen ein Netz wirtschaftlicher und sonstiger Verflechtungen und Austauschbeziehungen. Sie sind zu Brücken und Scharnieren zwischen den beiden Ländern sowie zu einem Versuchsfeld für die grenzüberscheitende Zusammenarbeit geworden. Der Entwicklung einer auch Identität stiftenden transnationalen Metropole steht die zunehmende sprachliche und kulturelle Entfremdung entgegen. 

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Weil am Rhein - ein über die Staatsgrenzen ausstrahlender Dienstleistungsstandort.

Jörg-Wolfram Schindler

Seit jeher prägt die Grenzlage zur Schweiz die Stadtentwicklung von Weil am Rhein. Dabei konnte die einst blühende Textilagglomeration Weil zeitlich erst seit den 1980er Jahren und im Zuge eines gelungenen umfassenden Strukturwandels ihren bis dahin äusserst nachrangig ausgebildeten Einkaufs- und Dienstleistungssektor aufwerten. Inzwischen hat dieser sich zu einem durchaus beachtlichen wirtschaftlichen Standbein entwickelt. Dennoch hinkt er im Vergleich zu Lörrach, mit dem zusammen Weil am Rhein ein kooperierendes Oberzentrum bildet, noch deutlich hinterher. Wesentlich unterstützt wurde das Wachstum des neuen Dienstleistungsstandortes durch die traditionell besonders engen grenzüberschreitenden Verflechtungen mit der Nachbarstadt Basel, welche ihren Niederschlag nícht zuletzt in der extrem starken Bündelung der Verkehrsträger zwischen beiden Städten hier am Oberrhein finden. Als besonders intensiver Motor einer grenzüberschreitenden Attraktion erweist sich darüber hinaus der Kursanstieg des Schweizer Franken gegenüber dem Euro, der einen ausserordentlichen Besucher- und Kundenstrom über die Grenze auslöste. Um letzteren besser in den Griff zu bekommen, wurde 2014 sogar eine grenzüberschreitende Strassenbahnlinie vom Basler Zentrum zur Innenstadt von Weil eingerichtet. Diesem Zulauf st es zuverdanken, dass heute vier verschieden grosse Eínkaufszentren in der Stadt Weil am Rhein wirtschaftlich tragfähig arbeiten und eìn weiteres für díe nahe Zukunft in Planung ist. Der anhal- tende Besucherstrom stärkt aber nicht nur den traditionellen Weinanbau und Verkauf, sondern erlaubt darüber hinaus die nachhaltige Ausrichtung mehrmaliger Wochenmärkte, auf denen die landwirtschaftlichen Eigenprodukte vorrangig aus dem Stadtgebiet feilgeboten werden. Schliesslich hat sich die Stadt an der Grenze des Euro-Raums - dank ihrer allseitig günstigen Erreichbarkeit - als gewichtiger Standortfaktor den grenzüberschreitenden Internet-Versandhandel profiliert, der allein hier mit víer offiziellen Anlaufstellen für das System der Grenzpakete in Erscheinung tritt. 

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Renaissance grenzüberschreitender Tramlinien am Oberrhein als Schlüsselprojekte eines zusammenwachsenden Europas.

Ernst-Jürgen Schröder

Die seit 1990 von der EU lancierten Interreg-Programme zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit sind ein Bestandteil der Europäíschen Kohäsionspolìtik und ein wichtiges Instrument der Europäischen Raumentwicklung. Sie solten einen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Grenzregionen leisten und helfen, durch Grenzen entstandene Hindernisse abzubauen. Die Schweizer Teilnahme an den Programmen erfolgt ab 1995 mit Unterstützung des Bundes, seit 2008 im Rahmen der Neuen Regionalpotitik NRP, die gezielt Grenzregionen fördert. Darüber hinaus unterstützt auch die 2001 aufgplegte Schweizer Agglomerationspolitik grenzüberschreitende Massnahmen im Bereich des Verkers. Die grenzüberschreitende Agglomeration Basel profitierte jüngst in besonderem Masse von dieser mehrdimensionalen Förderarchitektur beim Bau von zwei "grenzenlosen" Tramlinien mit einer für andere Grenzstädte Europas durchaus beispielgebenden Signalwirkung. 

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Das Life Sciences-Cluster in der trinationalen Region Basel - Auszüge aus einer Befragungs- und GIS-gestützten Studie.

Thomas Vogel

Cluster, d. h. Ballungen von Unternehmen und Organisationen derselben Branche, scheinen Wettbewerbsvorteile zu schaffen und Regionen zu stärken. Daher besitzt der Begriff heute vor allem in Politik und Wirtschaftsförderung einen grossen Stellenwert, obwohl er in der wissenschaftlichen Debatte kontrovers diskutiert wird. Dieser Artikel zeigt Auszüge aus einer Survey- und GlS-basierten Studie zum Life Scíences-Cluster in der trinationalen Region Basel, in der mögliche Prozesse und Wirkungen der Unternehmensballung empirisch untersucht werden. Im Folgenden stehen die Analyse der Branchen- und Unternehmensstruktur des Clusters, seine räumliche Struktur, das Zugehörigkeitsgefühl der Unternehmen zum Cluster sowie eine Standortanalyse der grenzüberschreitenden Region Basel als Wirtschaftsraum im Fokus. Die Studie konnte besonders innerhalb der Kantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft eine deutliche Clusterbildung zeigen. Dabei sind alle Branchen der Life Scíences, mit Fokus auf der Pharmazie, sowie Unternehmen von allen Stufen der Wertschöpfungskette vor Ort ansässig. Das Zugehörigkeitsgefühl zum Cluster variierte branchenspezifisch und war innerhalb der Biotechnologie und Pharmazie am stärksten ausgeprägt. Als Wirtschaftsstandort wurde die Region Basel insgesamt positiv bewertet. Von den sechs untersuchten Einflussgrössen wurden die wirtschaftsnahe Infrastruktur, die Verkehrsinfrastruktur und der Wohn- und Freizeitwert deuttich häufiger positiv bewertet als die staatlichen Rahmenbedingungen, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und der Marktzugang in der Region Basel.

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GEOGRAPHISCH- ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL - gegbasel.ch