Nr. 53/1-2

Nr. 53/1-2

100 Jahre Geographie an der Universität Basel

100 Jahre Geographie in Basel zu feiern, das heisst 100 Jahre Beschäftigung mit geographischen Phänomenen in der Region und oft auch weit darüber hinaus. Seit 100 Jahren durchstreifen erfahrene Forscher mit kundigem, geographischem Blick – und mit ihnen interessierte Studierende mit neuen Ideen und provokanten Fragen – die Hügel, Täler, Dörfer und Städte von Basel und der Umgebung. Die Erträge dieser intensiven Beschäftigung mit geographischen Sachverhalten finden sich heute in unzähligen Publikationen und Lehrbüchern, welche die Region am südlichen Oberrheingraben mit ihren wirtschaftlichen Verflechtungen, ihren tektonischen und geomorphologischen Besonderheiten, ihrem besonderen Klima und ihrer grossen ökologischen Vielfalt in der Welt bekannt machen. Umgekehrt fordern geographische Facharbeiten, welche von Basel aus in anderen Ländern und Kontinenten durchgeführt wurden, immer wieder zum Überdenken dessen auf, was hier in Basel realisiert wurde.

Dadurch kommen – manchmal unmerklich – Ideen und Konzepte zu uns, die sonst unbeachtet geblieben wären, und wir betrachten uns altbekanntes plötzlich unter einem neuen Licht. Weil sich Geographie letztlich mit allem befasst, was sich raumwirksam niederschlägt, steht die Geographie ganz zuoberst, wenn es darum geht, unsere Region in ihren Zusammenhängen umfassend zu verstehen und damit auch sinnvoll lenken zu können. 100 Jahre Geographie in Basel mag in diesem Sinne auch als Aufruf dienen, die Anstrengungen für das Verständnis der Regio Basiliensis nicht einschlafen zu lassen, sondern im Gegenteil, dieses Verständnis für kommende Generationen und globale Herausforderungen weiter zu vertiefen.

Mensch-Umwelt-Wissenschaft Geographie: 100 Jahre Geographisches Institut Basel (1912–2012)

Dieter M. Opferkuch und Hartmut Leser

Vor über hundert Jahren forderten in Basel wirtschaftsnahe Kreise geographische Forschung und Lehre auf Hochschulstufe. Auf deren Betreiben richtete die Universität Basel 1912 – als letzte Universität in der deutschen Schweiz – einen Lehrstuhl für Geographie ein. In den seitdem vergangenen hundert Jahren ging die Geographie in Basel jeweils mit der Zeit: Stand am Anfang die erklärende Beschreibung der Landformen und Landschaften, entwickelte sich daraus die räumliche Strukturanalyse für human- und physiogeographische Sachverhalte, die einer holistischen Sicht unterstanden: Geographie beruhte und beruht in Basel schon immer auf den beiden Säulen Mensch und Umwelt (“Natur”).


Humangeographie / Stadt- und Regionalforschung an der Universität Basel
Forschung – Lehre – Kompetenzentwicklung

Rita Schneider-Sliwa

Geographie ist eine auf den Raum bezogene Mensch-Umwelt-Wissenschaft. Die Erdräume und ihre Inhalte sowie die darin wirkenden Kräfte und Prozesse werden in den einzelnen Teilgebieten der Geographie behandelt. Sowohl die Physiogeographie als auch die Humangeographie repräsentieren die Sichtweisen auf den Funktionszusammenhang von Natur, Technik und Gesellschaft. Geographen forschen für gegenwärtige und zukünftige gesellschaftliche Probleme und haben Lösungskompetenz für die Anforderungen der heutigen Welt. Welchen Beitrag die Humangeographie an der Universität Basel dabei leistet, zeigt der vorliegende Beitrag auf.

“Es ist nichts, was den geschulten Verstand mehr kultiviert und bildet, als Geographie.”
Immanuel Kant


Kriminalität in Basel – eine GIS-gestützte Analyse der Tatorte ausgewählter Delikte von 2005 bis 2009

Raphael Alù

In der Masterarbeit “Räumliche Strukturmuster städtischer Kriminalität in Basel” wurde auf Grundlage der Anzeigestatistik der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt anhand eines zeitlich begrenzten Raumausschnitts (2005–2009) der Ist-Zustand der Kriminalität ermittelt und kartographisch dargestellt. In der untersuchten Zeitreihe wurde eine massive Zunahme der Einbruchsdiebstähle sowie ein starker Anstieg der Raubdelikte erfasst. Im Gegensatz dazu verzeichnen die Delikte Sachbeschädigung und Ladendiebstähle leichte Rückgänge, während bei den Fallzahlen der Körperverletzung keine nennenswerten Schwankungen zu beobachten sind. Die meisten Delikte wurden während der Freizeit, nachts und am Wochenende begangen. Teilweise ist ausserdem ein Einfluss der Ferienzeit zu erkennen. Starke Kriminalitätsbelastungen sind in den Wohnvierteln mit sozialen Desorganisationserscheinungen und tiefem sozialem Status zu finden. Ebenso widerspiegelt sich die Zentrumsfunktion der Innenstadt sowie die Verteilung des tertiären Sektors und städtischer Vergnügungsaktivitäten in den Tatortkonzentrationen.


Abschätzung der Nutzungsreserven – Grundlagendaten für den konsequenten Vollzug des Raumplanungsgesetzes

Karin Widler

Trotz entsprechendem Auftrag der Bundesverfassung und des Raumplanungsgesetzes, haushälterisch mit dem Boden umzugehen, schreitet die Zersiedelung in der Schweiz ungebremst voran. Um diese Entwicklung zu stoppen, ist ein konsequenter Vollzug von Art. 15 des Raumplanungsgesetzes, der die Bauzonendimensionierung regelt, notwendig. Im Rahmen einer Masterarbeit wurde am Beispiel des Kantons Basel-Landschaft ein Verfahren zur Abschätzung der Nutzungsreserven entwickelt, welches Grundlagendaten für den Vollzug dieses Verfassungsartikels generiert.


Konsumentenstruktur und Einkaufsverhalten im Raum Basel

Rita Schneider-Sliwa, Ramon Gonzalez, Christine Griebel und Claudia Saalfrank

Eine im Frühjahr 2011 in drei Einkaufszentren und zwei Einkaufsstrassen im Raum Basel durchgeführte Befragung hatte das Ziel festzustellen, ob sich die verschiedenartigen Einkaufsstandorte ergänzen oder in einer Konkurrenzsituation zueinander stehen. Die Resultate zeigen, dass Einkaufszentren in bestimmten Bereichen dominieren, so etwa im Lebensmittel- und Elektronikbereich, Innenstädte dagegen bei den Dienstleistungen (Bank, Post, Arzt etc.). Entscheidend für einen erfolgreichen Standort sind vor allem Erreichbarkeit, Preisstruktur und Angebot. Die Kunden an den verschiedenen Standorten unterscheiden sich hinsichtlich ihrer personenbezogenen Merkmale wie Alter, Einkommen und Haushaltgrösse. Kaum eine Rolle bei der Wahl des Einkaufsortes spielte Familienfreundlichkeit. Aufgrund der Ergebnisse werden Empfehlungen für optimierte Standortstrategien ausgearbeitet.


Herausforderungen und Perspektiven geographischer Forschung in der Analyse biogeochemischer Stoffflüsse

Nikolaus J. Kuhn

Während der letzten 100 Jahre hat in der Geographie mehrmals ein Wandel der Perspektive auf ihr Studienobjekt “Erdoberfläche” und deren Bedeutung im Bewusstsein von Forschung, Politik und Bevölkerung stattgefunden. Nach dem Ende des Zeitalters der Entdeckungen dominierte eine wissenschaftlich-spezialisierte Arbeit, welche die Disziplin in eine immer grössere Zahl von Teilbereichen aufspaltete. Der Blick zurück auf die Erde aus dem All sowie das wachsende Verständnis für die globale Dimension der aktuellen Umweltprobleme hat den Bedarf an einer integrierten Betrachtung der Landschaft seit den 1960er-Jahren, sozusagen als Gegenbewegung zur Aufsplitterung, wieder verstärkt. In diesem Beitrag wird die Notwendigkeit einer auf das Systemverständnis konzentrierten Geographie am Beispiel der Folgen von Landnutzung und Bodenerosion für den globalen Kohlenstoffkreislauf analysiert. Methodisch dienen dabei die Ansätze der Earth Systems Science als Werkzeug, und deren Bedeutung für die Geographie der nächsten 100 Jahre wird zum Abschluss bewertet.


Geographische Informationssysteme im Beruf – Anforderungen und Perspektiven für die Lehre

Wolfgang Schwanghart, Nikolaus J. Kuhn, Samuel Berger und Jan Beck

Geographische Informationssysteme (GIS) sind ein wichtiger Bestandteil geographischer Forschung und Lehre und haben in den letzten Jahren enorm an Bedeutung in den Berufsfeldern von Geographen gewonnen. Wir zeigen anhand einer Umfrage, dass Arbeitgeber in der Region Basel, die für Geographie-Absolventen relevant sind, GIS-Kompetenzen explizit nachfragen. Eine stärkere Betonung von GIS in der geographischen Lehre kann profilbildend für Geographen wirken und somit den Eintritt ins Arbeitsleben erleichtern. Eine stärke Integration von GIS in das Geographie-Curriculum mit einem Fokus auf selbständiges Arbeiten und Routine wird als optimal für die Vorbereitung auf den Beruf angesehen.


Geoökologische Standortanalyse und C-Inventarisierung von unterschiedlich genutzten Waldflächen in Likely, BC, Kanada

Dominik Mösch, Nikolaus J. Kuhn und Ulrike Hoffmann

Wälder und Waldböden spielen eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf und somit für die Stabilität des Klimas. Insbesondere forstwirtschaftliche Nutzungsformen wie Kahlschläge beeinflussen die Kohlenstoff(C)-Vorräte im mineralischen Boden und der organischen Auflage. Diese Studie befasst sich mit den Folgen von intensiver forstwirtschaftlicher Nutzung auf die C-Gehalte des Waldbodens in British Columbia. Das Ziel der Studie war es, anhand einer geoökologischen Standortanalyse und einer C-Inventarisierung Aussagen zum C-Speicher und dessen Einflussfaktoren in Abhängigkeit des Vegetationsalters zu machen. Die Ergebnisse zeigen, dass der Boden als volatile Senke betrachtet werden muss und dass in den Wäldern British Columbias in der organischen Auflage bis zu 57 % des C-Speichers an einem Standort gespeichert sind.


Reaktion der Vegetation auf Trockenstress im nördlichen Teil der Negev

Sarah C. Strähl

Vegetationsmuster stehen in ariden Gebieten in engem Zusammenhang mit der räumlichen Verteilung von Niederschlag, Abfluss und Infiltration. Vegetation ist in erster Linie von der Wasserversorgung abhängig, die wiederum sehr stark von den Niederschlagsschwankungen beeinflusst ist. Die Stabilität der Vegetation gegenüber Klimawandel ist von signifikanter Bedeutung für die Abschätzung der Folgen globaler Erwärmung im 21. Jahrhundert. In diesem Beitrag wird die Reaktion der Vegetation in einem ariden Teil der Negevwüste in Israel auf eine Serie von Jahren mit geringen Niederschlägen untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl Vegetationsdichte als auch Artenzusammensetzung sehr stark auf die Veränderung des Niederschlags reagiert haben. Dies deutet eine hohe Wahrscheinlichkeit der nachhaltigen Degradierung der Vegetation als Folge von Klimawandel an.


Landreform in Namibias Gemeinschaftsland (Communal Areas)

Lena Bloemertz, Gregor Dobler und Olivier Graefe

Dieser Artikel beleuchtet Kontext, Ziele und mögliche Konsequenzen der Formalisierung von Landrechten in Namibias ehemaligen Homelands. Er stellt das komplexe Zusammenspiel von politischen, ökonomischen, sozialen und ökologischen Faktoren dar, welche für eine Landreform beachtet werden müssen, vor allem in Hinblick auf die ärmeren Bevölkerungsteile und die Nachhaltigkeit der Landnutzung. Im Mittelpunkt steht dabei der Zusammenhang zwischen Eigentumsrechten, Nutzungsstrategien und gesellschaftlicher Entwicklung.


GEOGRAPHISCH- ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL - gegbasel.ch