Donnerstag, 12. November 2015 - 18:15 Uhr

Globalisierung hat eine Weltgeschichte

Globalisierung hat eine Weltgeschichte

Prof. Dr. Hermann Kreutzmann

Freie Universität Berlin

Die Sicht auf die Welt, in der wir leben, kann sehr unterschiedlich ausfallen. Politiker, Publizisten und Akademiker haben zur Ordnung ihrer Welt immer Gliederungsprinzipien eingesetzt, deren Motivationen und Ziele nicht immer deutlich bzw. transparent gemacht wurden und werden. Im Vortrag stehen Ansichten und Raumteilungen zur Diskussion, die auf ihre Zweckgebundenheit und vermeintliche Objektivität hin untersucht werden. Von der päpstlichen Aufteilung der Welt im Vertrag von Tordesillas bis hin zu gegenwärtigen Weltenteilungen sowie von Grenzziehungen und Konfrontationen im Kalten Krieg bis hin zur neuen Dreiweltenlehre werden Hintergründe und Zielsetzungen aufgezeigt und Instrumentalisierungen verdeutlicht, die für die Zukunft der einen Welt wirkungsmächtige Konsequenzen haben können.

Inhalt des Vortrags: Der Vortrag präsentiert unterschiedliche Perspektiven auf die Globalisierung und befasst sich mit Formen der Welterfahrung sowie der Aufteilung der Welt. Beginnend mit einem Blick in die Zeit, als Jerusalem noch das Zentrum der Welt war, wird die Frage diskutiert, wann Weltenteilungen begannen und wirkungsmächtig wurden. Das klassische Beispiel der päpstlichen Grenzziehungen im 15. Jahrhundert markiert einen entscheidenden Beginn der Aufteilung der Welt mit daraus entstandenen und bis in die Gegenwart anhaltenden Konflikten. In einer Zeit, in der die lateinamerikanischen Staaten ihre Unabhängigkeit von vor zwei Jahrhunderten (Bicentenario) feiern, liegt die koloniale Vergangenheit in Afrika und Asien noch nicht so lange zurück. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg waren zwei Fünftel der Weltbevölkerung Bewohner von Kolonien und die Hälfte der Erde gehörte zu "Mutterländern". Diese Aufteilung der Welt mündete nach dem Zweiten Weltkrieg in die Dreiteilung des Ost-West-Konfliktes und die Wahrnehmung einer "Dritten Welt". Die Kennzeichen des Kalten Krieges haben Weltenteilungen beflügelt. Mit dem Jahr 1989 verbindet sich das "Ende der Geschichte" und das "Ende der Dritten Welt". Hat die Globalisierung die weltgeschichtliche Verankerung der Weltenteilungen überwunden?

Im Hauptteil des Vortrages wird der Frage nachgegangen, warum auch heute wieder Weltenteilungen eine zunehmend wichtigere Rolle einnehmen. Die neue "Drei-Welten-Lehre" wird auf ihre Zielsetzungen und Zweckbestimmungen befragt. In einer Zeit, in der die ehemalige "Dritte Welt" mit Zuschreibungen wie der "globale Süden" oder die "prämoderne Welt" belegt wird, in der in Europa eine neue Ost-West-Dichotomie mit veränderten Konstellationen am Horizont aufscheint, in der Eurasien mit China ein neues Gewicht erhalten hat, mag es angezeigt sein, Akteure und Interessenkonstellationen näher daraufhin zu beleuchten, wie wirkungsmächtig sie in der "Weltrisiko-Gesellschaft" sind und welche Perspektiven für eine friedliche Zukunft damit verbunden sein könnten.

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