Donnerstag, 20. September 2012

Politische Geographie - Geographie und Politik vernetzt

Politische Geographie - Geographie und Politik vernetzt

Dr. Michael Hermann

sotomo gmbh und Geographisches Institut der Universität Zürich

Die Wurzeln der Wahlgeographie reichen bis ins Jahr 1913 zurück. Der französische Geograph André Siegfried hatte damals mit seinem Werk «Tableau politique de la France de l’Ouest» den Zusammenhang zwischen Raum und Wahlverhalten erstmals systematisch untersucht. Eine eigentliche Blütezeit erlebte die Wahlgeographie in der goldenen Ära der quantitativen Geographie in Grossbritannien. Danach ist die Disziplin jedoch ausser Mode gekommen. Heute erlebt sie eine Renaissance. Doch nicht etwa in der Geographie, sondern in der Politikwissenschaft.

Die sozialwissenschaftliche Geographie hat in den vergangenen Jahrzehnten viel darauf gesetzt, den Raum zu dekonstruieren, während in den benachbarten sozialwissenschaftlichen Disziplinen ein «Spatial Turn» vollzogen und der Raum als wichtiger Faktor entdeckt wurde. So erstaunt es nicht, dass sich heute vor allem die Politologen für die räumliche Dimension des politischen Verhaltens interessieren.

Michael Hermann plädiert in seinem Referat für eine Wiederbelebung der Wahl- und Abstimmungsgeographie innerhalb der Geographie. Neben heute vorherrschenden Fokus auf die «kritische» und «radikale» Richtung der Politischen Geographie soll die quantitative Tradition wiederbelebt werden. Statt den Politikwissenschaftlern das Feld zu überlassen, gilt es, sich mit ihnen zu vernetzen.

In einem politisch-geographischen Netzwerk kann die geographische Perspektive gewichtige Impulse geben. Ganz zentral ist dabei die ur-geographische Kompetenz des Sichtbarmachen sozialer Phänomene mit der Sprache der Kartographie und die Methoden der geographischen Informationsvisualisierung. Wesentlich ist aber auch die Umkehr der Sichtweise: Während für Politologen der Raum bloss ein Werkzeug zur Erforschung des politischen Verhaltens ist, interessiert sich die Geographie für die räumliche Dimension politischer Mentalitäten.

Im Referat spürt Michael Hermann der Geschichte der Wahl- und Abstimmungsgeographie nach und zeigt wie das Zusammenspiel von Raum und Politik heute in den Politikwissenschaften untersucht wird und was die Geographie dazu beitragen kann. Er bringt dabei seine eigenen Erfahrungen im von ihm gelebten Netzwerk Geographie-Politik mit ein.

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Handelsnetzwerke - Schottischer Whisky und chinesische Turnschuhe: Globalisierte Handelsnetzwerke in einer namibischen Gesellschaft

Handelsnetzwerke - Schottischer Whisky und chinesische Turnschuhe: Globalisierte Handelsnetzwerke in einer namibischen Gesellschaft

Professor Dr. Gregor Dobler

Institut für Ethnologie der Universität Freiburg

Europäische Länder waren lange Zeit daran gewöhnt, die wichtigsten Handelspartner ihrer ehemaligen Kolonien in Afrika zu sein. Der wirtschaftliche und politische Aufstieg einiger Länder des Südens und die weltweite Flexibilisierung von Produktionsstandorten haben hier zu einem teilweise radikalen Umbruch geführt. Neue Akteure etwa aus China, Indien, Pakistan, Brasilien oder Dubai spielen heute eine weit wichtigere Rolle für den Handel mit Konsumgütern in Afrika als die ehemaligen Kolonialmächte.

Der Vortrag beschreibt diese Entwicklungen anhand einer Grenzstadt im Norden Namibias. Oshikango ist der wichtigste Ort an der Grenze zwischen Namibia und Angola. Nach dem Ende des jahrzehntelangen Krieges in Angola ist die Stadt zu einem Depot im Grenzhandel in das ölreiche Nachbarland geworden. Der Grenzhandel führte zu einem beispiellosen Boom, der Händler aus der ganzen Welt in diese kleine Stadt brachte und sie stark wachsen liess. Da die Stadt quasi aus dem Nichts entstanden ist, bietet sie ein ideales Untersuchungsfeld, um die Bedingungen heutiger globaler Warenströme sichtbar zu machen.

Mit Hilfe von vier Güterketten in vier Ländern der Welt stellt der Vortrag verschiedene Varianten internationalen Handels nach Afrika dar. Brasilianische Wohnzimmermöbel, von pakistanischen Händlern verkaufte Gebrauchtwagen aus Japan, chinesische Turnschuhe und schottischer Whisky stehen für vier verschiedene Handelsnetzwerke. Der Vortrag zeigt ihre jeweilige Organisation auf und stellt dar, wie gering der Anteil Europas an diesem neuen Handel geworden ist.

Über diese Darstellung beschreibt der Vortrag die Rolle von Netzwerken im heutigen globalen Handel. Sie sind, so seine These, flexibler strukturiert und mobiler als zu Zeiten klassischer Netzwerktheorien. Wo globale Akteure aktiv werden und von ihrer jeweiligen Organisationsform profitieren können, entscheidet sich immer stärker durch Entscheidungen auf der globalen Ebene, die ihnen selbst nicht zugänglich sind. An unterschiedlichen Orten der Welt werden dadurch Bedingungen geschaffen – und wieder zerstört –, die für eine Organisationsform ideal sind. Migrationsnetzwerke werden dadurch weniger dauerhaft und mobiler. Das gefährdet vor allem die Verknüpfung der Netzwerke mit den lokalen Wirtschaftsstrukturen und führt letztlich dazu, dass Profite in stärkerem Masse in die Herkunftsländer abfliessen.

Donnerstag, 15. November 2012

Siedlungsnetzwerke - Wasserversorgungsnetzwerke und politische Ökologie in Khartum

Siedlungsnetzwerke - Wasserversorgungsnetzwerke und politische Ökologie in Khartum

Professor Dr. Olivier Graefe

Department für Geowissenschaften der Universität Fribourg

Laut den Vereinten Nationen hatten 2008 in Afrika nur 60 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser. Trotz zahlreicher finanzieller Bemühungen im Zusammenhang mit den Millennium Entwicklungszielen hat sich die Situation nur wenig verbessert. Die UNICEF und die Weltgesundheitsorganisation WHO stellen 2012 gar eine Stagnation bzw. eine Verschlechterung der Situation in einem Drittel der afrikanischen Länder fest. Selbst ein flüchtiger Blick auf die Karte der Wasserversorgung in Afrika zeigt, dass die Wasserversorgung nicht von den natürlicherweise zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängt. In Nord- wie auch in Westafrika weisen benachbarte (und folglich mit physisch-geographisch vergleichbaren Voraussetzungen ausgestattete) Länder sehr unterschiedliche Werte hinsichtlich der Versorgung der Bevölkerung mit Wasser auf. Die Probleme der Wasserversorgung sind ganz offensichtlich nicht ökologisch bedingt, sondern auf politische, soziale und wirtschaftliche Faktoren zurückzuführen.

Diese Faktoren spiegeln sich in Wasserversorgungsnetzwerke wider, die sich nicht auf die Rohrsysteme beschränken, sondern eine Vielzahl von politischen und sozialen Beziehungsverflechtungen beinhalten. In Khartum wie in vielen anderen Städten Afrikas bezieht die Mehrheit der Haushalte ihr Trinkwasser von kleinen Wasserhändlern und von den Nachbarn. Diese besitzen entweder einen Anschluss an das zentrale staatliche Wasserversorgungssystem oder einen Anschluss an eines der vielen lokalen Netzwerke. Der Vortrag wird zum einen darstellen, inwiefern diese sozialen Beziehungen die Wasserversorgung selbst in den peripheren Vierteln der sudanesischen 6 Millionen Metropole sichern. Zum anderen soll gezeigt werden, wie die Wasserversorgung selbst als Basis für soziale und politische Beziehungen auf verschiedenen Ebenen dient. Mit der Perspektive auf die politische Ökologie des Wassers in Khartum soll ein Einblick in die dialektischen Beziehungen zwischen der hydraulischen Materialität und der urbanen Gesellschaft gegeben werden.

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Energienetzwerke - Das Desertec-Projekt: Von der Vision zur Realität

Energienetzwerke - Das Desertec-Projekt: Von der Vision zur Realität

Dr. Samyr Mezzour

München

Desertec steht für eine übergeordnete Vision der Versorgung eines Grossteiles der Welt mit nachhaltigem Strom, indem das Energiepotenzial der Wüste angezapft wird. Dii (als "Desertec Industrial Initiative" gegründet) ist eine private Industrieinitiative mit dem Ziel, die Desertec Vision in Europa, im Nahen Osten und in Nordafrika (EUMENA) zu verwirklichen.

Die Dii wurde am 30. Oktober 2009 von 13 Unterzeichnern aus Nordafrika und Europa in München gegründet. In den folgenden Jahren sind weitere Unternehmen weltweit als Gesellschafter oder assoziierte Partner (wie BearingPoint) der Dii beigetreten. Derzeit besteht Dii aus mehr als 56 Unternehmen und Einrichtungen, einschliesslich der gemeinnützigen DESERTEC Foundation und den Forschungsinstituten Fraunhofer und Max-Planck.

Die Wüsten im Nahen Osten und in Nordafrika (MENA) bieten ausgezeichnete Bedingungen für grossflächige Stromerzeugung aus Wind und Sonne. Der mit Wind und Sonne erzeugte Strom ist primär dafür gedacht, die lokale Nachfrage in Nordafrika und im Nahen Osten zu decken und es den Produzentenländern zu ermöglichen, Strom zu exportieren. Das langfristige Ziel bis 2050 ist die Deckung eines erheblichen Teiles des Energiebedarfs der MENA-Länder sowie von bis zu 20% des europäischen Strombedarfs.

Die Dii Mission ist es, einen Markt für erneuerbare Energien aus diesen Gegenden zu schaffen. Die Dii ist in diesem Prozess ein Wegbereiter, Katalysator und Koordinator und versteht sich als Partner internationaler und lokaler politischer und industrieller Vertreter. Bei Desertec geht es nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um die Entwicklung neuer Branchen, Investitionen, der Schaffung von Arbeitsplätzen und dem Transfer von Wissen und Know-how in den Nahen Osten und nach Nordafrika.

Die Dii-Gesellschafter und assoziierte Partner haben gemeinsam folgende Ziele für dieses Gemeinschaftsprojekt vereinbart, die bis Ende 2012 erreicht werden sollen:

  • Schaffung eines positiven Investitionsklimas: Entwicklung von technischen, ökonomischen, politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen, die in Nordafrika und dem Nahen Osten Investitionen in erneuerbare Energien und miteinander verbundene Stromnetze wünschenswert und möglich machen.
  • Initiierung einiger ausgewählter Referenz-Projekte, um die Machbarkeit zu zeigen und Kosten zu senken.
  • Entwicklung eines langfristigen Umsetzungskonzepts (Roll-out Plan) bis zum Jahr 2050 inklusive Investitions- und Finanzierungsempfehlungen. Erneuerbare Energien sollen möglichst schnell in den Markt integriert und von Subventionen unabhängig werden.

 

Eine Utopie? Prominente wie Al Gore, Bill Gates, Günther Öttinger (EU-Kommissar für Energie), Angela Merkel sowie 56 führende Unternehmen (z .B. ABB, Siemens, IBM, Morgan Stanley, RWE, Shell, BearingPoint...) bündeln ihre Kräfte zur Umsetzung des Vorhabens. Konkret: 3 Referenzprojekte sind in Planung in Marokko, Baubeginn ist im Jahr 2014 und ab 2016 könnte der Wüstenstrom in die europäischen Netze eingespiesen werden.

Die Dii wird am kommenden Gesellschaftsvortrag in der Wintersession 2012/2013 vorgestellt. Erfahren Sie mehr über Chancen und Herausforderungen auf dem Weg zur Realisierung der Desertec-Vision. Wir laden Sie herzlich zum Gesellschaftsvortrag ein.

Donnerstag, 10. Januar 2013

Produktionsnetzwerke - Globale Produktionsnetzwerke in der Windenergie: Der Aufstieg chinesicher Unternehmen

Produktionsnetzwerke - Globale Produktionsnetzwerke in der Windenergie: Der Aufstieg chinesicher Unternehmen

Britta Klagge

Osnabrück

In nur zwei Dekaden hat sich die Windindustrie von einer durch Pioniere und KMU geprägten zu einer von großen multinationalen Konzernen dominierten Branche entwickelt. Mit einem weltweiten Kapazitätszuwachs von knapp 1'500 MW installierter Leistung (1990) auf über 200'000 MW (2011) gehört die Windindustrie zu den global am schnellsten wachsenden Industrien. Sie ist durch einen rasanten Internationalisierungsprozess und zunehmend globale Produktionsnetze geprägt. Neben gewachsenen Windenergieanlagenherstellern bzw. Zulieferunternehmen an den Pionierstandorten Deutschland und Dänemark hat sich im letzten Jahrzehnt der Branchenmix u. a. durch den Einstieg etablierter Energie- und Technologiekonzerne (z. B. GE Energy, Siemens) verändert und der Wettbewerb stetig zugenommen. Mit der räumlichen Expansion von Absatz- und Produktionsstandorten in den globalen Süden hat die Branche in jüngster Zeit eine Wachstums- und Entwicklungsdynamik entfaltet, in der chinesische Hersteller als neue Marktakteure der Windindustrie und ihrer globalen Produktionsnetze eine wachsende Rolle spielen.

Während noch zu Beginn des neuen Jahrtausends die zehn grössten Herstellerunternehmen alle aus den Industrieländern kamen, gehörten 2011 bereits vier chinesische Unternehmen zu den Top 10. In China stellen ebenso wie in anderen Ländern politisch-institutionelle Bedingungen wichtige Erklärungsfaktoren für die dynamische Branchen- und Standortentwicklung der Windindustrie dar. Die Gestaltung und Steuerung durch nationale politische Akteure beinhaltet neben der im Kontext von Klimapolitik verfolgten Förderung erneuerbarer Energien auch industrie- und handelspolitische Maßnahmen. Hierzu gehören neben den in vielen Ländern üblichen local content-Regeln die Unterstützung bzw. der staatlich gelenkte Aufbau einer nationalen Windindustrie sowie verschiedene Ansätze zur Förderung des Technologietransfers. Auch Tender-Verfahren, d. h. die öffentliche Ausschreibung und Vergabe von auszubauenden Kapazitäten, wurden genutzt, um einheimische Hersteller und vor Ort produzierte Windturbinen zu bevorzugen. Im Laufe dieser Entwicklung haben chinesische Hersteller technologisch aufgeholt und begonnen, mit eigenen Produkten neben den nationalen auch ausländische Märkte zu erschliessen. Mit dem Aufbau von global orientierten Produktions- und Forschungsnetzwerken stellen sie damit zunehmend auch ausserhalb Chinas eine Konkurrenz für die etablierten Hersteller aus den Industrieländern dar.

Donnerstag, 14. Februar 2013

Soziale Netzwerke - Globale Netzwerke arabischer Diaspora

Soziale Netzwerke - Globale Netzwerke arabischer Diaspora

Prof. Dr. Anton Escher

Geographisches Institut der Universität Mainz

Globale Netzwerke arabischsprachiger Bevölkerungsgruppen existieren aufgrund von Migration. Sobald Mitglieder ethnischer Gruppen in mehrere Länder aus- und/oder weiterwandern, kann eine kommunikativ verflochtene Diaspora entstehen. Der Vortrag stellt einen speziellen Typ globaler arabischer Netzwerke vor, der zu Beginn des 21. Jahrhunderts von neuer Dynamik geprägt ist.

Die globalen arabischen Netzwerke können als Familien oder Clans beschrieben werden, die sich global auf viele Orte dieser Erde verteilen. Die technischen und politischen Rahmenbedingungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts begünstigen die Entwicklung und die Strategien dieser globalen Gemeinschaften und fördern den sozialen, ökonomischen und politischen Zusammenhalt der Migranten, die oftmals ihre Herkunft auf ein Dorf oder eine Region zurückführen. Aufgrund der vorliegenden empirischen Analysen kann man die These vertreten, dass die Identität der globalen Gemeinschaft über diesen gemeinsam geteilten Herkunftsort gestiftet wird. Nationalstaatliche Positionen, religiöse Institutionen und soziale Vereinigungen werden zum Wohle und zur Generierung der Welt-Dorf-Gemeinschaft in Wert gesetzt und sind zumeist strategisch verhandelbar.

Der Herkunftsort ist der fixe Punkt, der heilige Ort, der symbolische Handlungen ermöglicht und der die Mitglieder der Gemeinschaft definiert. Der Ort wird zum mentalen Zentrum der Gemeinschaft, die ihre «Niederlassungen» in aller Welt hat. Die Diaspora-Gemeinschaft agiert, wie aus segmentären Gesellschaften bekannt, quer zur nationalen Organisation und zu religiösen Institutionen. Im Rahmen dieser Struktur verwirklichen die Mitglieder Strategien, die zum Erhalt und zur Funktion der Gemeinschaft beitragen. Sie ermöglicht den Mitgliedern der Gemeinschaft pragmatische Strategien zum eigenen ökonomischen, sozialen und emotionalen Vorteil in einer durch Konkurrenz geprägten dynamischen Welt. Entwurzelung und Marginalisierung des Individuums finden nicht statt, sondern sein Territorium wird auf zahlreichen Feldern erweitert.

Verwandtschaftliche Bindungen und gruppeninterne Solidarität, individuelle Bildung und kollektive Erfahrung sowie sozialisierter Geschäftssinn tragen zur Funktion der globalen Netzwerke bei. Die räumlich über unterschiedliche Orte der Welt zerstreute Ethnie bildet (fast) eine kommunizierende und handelnde Einheit. Zentraler Ankerpunkt, gemeinsamer Knoten und geteilte Sehnsucht ist der Herkunftsort. Das globale Netzwerk der arabischen Diaspora ist auf die Identität von Familie, Dorf und Region gebaut.

Literaturhinweis:
Escher, A. (2008): The Arab American Way: The Success Story of an American Family from a Syrian Village in Global Diaspora. ※ American Studies Journal No. 52.

Donnerstag, 14. März 2013

Planungsnetzwerke - Die Trinationale Agglomeration Basel: Gemeinsame Planung über Grenzen hinweg

Planungsnetzwerke - Die Trinationale Agglomeration Basel: Gemeinsame Planung über Grenzen hinweg

Dr. Patrick Leypoldt

Leiter Geschäftsstelle Agglomerationsprogramm Basel

Mit dem Agglomerationsprogramm stellt sich die trinationale Agglomeration Basel ihren besonderen siedlungs- und verkehrspolitischen Herausforderungen. Die trinationale Agglomeration Basel ist nach der Definition des Bundes (BFS) die einzige trinationale Grossagglomeration der Schweiz und verfügt über eine bedeutende Wirtschaftskraft im Herzen Europas.

Die trinationale Agglomeration Basel umfasst gemäss Bundesamt für Statistik (BFS) 127 Gemeinden. Davon liegen 53 im Südelsass und Südbaden und 74 in der Schweiz, letztere verteilt auf die Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Aargau und Solothurn. Das gesamte Einzugsgebiet umfasst heute rund 770‘000 Einwohner. Nach aktuellen Prognosen wird die Einwohnerzahl der trinationalen Agglomeration Basel bis zum Jahr 2030 auf rund 815‘000 steigen.

Verkehrlich ist der Raum Basel geprägt durch die Lage im Dreiländereck Schweiz – Deutschland – Frankreich und der Funktion als nördlicher Gateway der Schweiz. Hier überlagern sich regionale, nationale und internationale Personen- sowie Güterverkehre. Siedlungspolitisch ist die trinationale Agglomeration mit unterschiedlichen Rechtssystemen auf verschiedenen institutionellen Ebenen konfrontiert.

Vor diesem Hintergrund und sowie den weiterhin steigenden individuelle Mobilitätsbedürfnissen, kann die trinationale Agglomeration Basel die zukünftigen verkehrsmässigen Auswirkungen nur mit einem starken Verbund von öffentlichem Verkehr, motorisiertem Individualverkehr sowie Fuss- und Fahrradverkehr bewältigen. Nur alle drei Systeme in sinnvoller Kombination können Nachhaltigkeit sowie eine Siedlungsstruktur mit kurzen und direkten Wegen gewährleisten.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist eine übergeordnete, integrierte Planung in den Bereichen Landschaft, Siedlung und Verkehr notwendig. Das langfristig ausgerichtete Koordinations- und Umsetzungsinstrument Agglomerationsprogramm übernimmt für die trinationale Agglomeration Basel diese Aufgabe und stellt damit sicher, dass die Verkehrsentwicklung ganzheitlich betrachtet wird und die Verkehrsprojekte aufeinander sowie auf die Siedlungsentwicklung abgestimmt werden. Die Verkehrs- und Umweltbelastungen sollen damit verringert und die Lebensqualität in der Agglomeration erhöht werden.

Das Agglomerationsprogramm Basel der zweiten Generation setzt einen inhaltlichen Schwerpunkt im völlig neu konzipierten Zukunftsbild, erarbeitet in einem partizipativen länderübergreifenden Prozess. Das Zukunftsbild zeichnet sich durch eine konsequente Entwicklung nach innen aus. Das künftige Bevölkerungs- und Arbeitsplatzwachstum soll sich auf die Kernstadt und die inneren Korridore konzentrieren, wobei primär in 13 neu definierten Schwerpunktgebieten Siedlung. Die Korridore erstrecken sich entlang der Bahnachsen. Der Ausbau des Verkehrsangebots (Regio-S-Bahn) ist konsequent darauf abzustimmen. Eigene quantitative Untersuchungen haben gezeigt, dass die Potenziale für die Siedlungsentwicklung nach innen grundsätzlich vorhanden sind, deren Realisierung aber grosse Anstrengungen auf der Massnahmenebene erfordern (Siedlung und Verkehr). Die Gemeinden ausserhalb der Korridore sollen sich künftig moderat weiterentwickeln können. Dabei richten Sie ihre wirtschaftliche und räumliche Entwicklung auf ihr eigenes Potenzial aus. Die Entwicklung ordnet sich in die Landschaft ein.

Ein gemeinsames trinationales Handeln ist vor dem Hintergrund dieser Aufgaben nötiger denn je. Hier setzt die breit zusammengesetzte Trägerschaft des Agglomerationsprogramms an. Die Organisation erstreckt sich über drei Staaten (CH, D, F), vier Kantone (BL, BS, AG, SO) und mehrere fachliche Begleitgruppen. Der Koordinationsaufwand ist gross, die Interessensabwägung teilweise schwierig und die ‚Früchte des Erfolgs‘ nur mit grossem Engagement der verschiedenen Akteure zu ernten.


GEOGRAPHISCH- ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL - gegbasel.ch