Donnerstag, 14. Oktober 2010

Berlin: Aktuelle Stadtentwicklung unter Globalisierungsdruck

Berlin: Aktuelle Stadtentwicklung unter Globalisierungsdruck

Prof. Dr. Elmar Kulke

Institut für Geographie, Humboldt-Universität Berlin

Seit der Wiedervereinigung erfuhr Berlin einen tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandel und massive Umgestaltungen der Stadtlandschaft. Deindustrialisierung, Suburbanisierung, Renovierung und Reaktivierung prägten das erste Jahrzehnt. Die Entwicklungen erfolgten vor allem unter regionalen Transformationsbedingungen. Erst mit dem Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin begann sich die Funktion Berlins auf nationaler Ebene zu verändern; zuerst positionierte sich Berlin als nationales politisches Zentrum und gewinnt seitdem immer mehr internationale Zentrenfunktionen. Diese beziehen sich vor allem auf hochrangige Dienstleistungen sowie auf moderne forschungsbasierte Unternehmensentwicklungen und weniger auf klassische Produktionsaktivitäten. In den üblichen Global City Rankings taucht Berlin aufgrund der nach wie vor bestehenden ökonomischen Probleme nur als nachrangiges Zentrum auf; dagegen positioniert sich die Stadt in internationalen Vergleichen, die eher die Entwicklungsdynamik, die Kreativfunktionen (Talent, Tolerance, Technology im Sinn von R. Florida) und die Lebensqualität erücksichtigen, als internationales Zentrum.

In den letzten Jahren entwickelte sich Berlin immer mehr zum hochrangigen Dienstleistungszentrum. Nicht nur als politische Zentrale besitzt Berlin Bedeutung, sondern es wird immer mehr zum Touristenziel, Kongreßstandort, Zentrum der Kulturökonomie und Standort von High-Tech-Betrieben. Die modernen Aktivitäten verändern die Stadtlandschaft. Besonders auffällig ist dabei die Entstehung von funktionalen Kernen bzw. Clustern von vernetzten Aktivitäten. Im Zentrum drücken sich diese in einer stark gegliederten City mit jeweils spezifischen Funktionsbereichen von Kultur, Kreativwirtschaft, Unternehmensdienstleistungen, Einzelhandel und Politik aus. Kernnahe Gebiete erfahren ausgeprägte Trends einer internationalen Gentrifizierung. Und in kernfernen Gebieten entstehen hoch spezialisierte Technologieparks, die sowohl lokale Netzwerke als auch globale Verflechtungen aufweisen. Beispiele dafür sind der grösste Technologiepark Europas in Berlin-Adlershof und ebenso der Biotechnologiepark in Berlin-Buch.

Donnerstag, 11. November 2010

Globales Denken in der Provinz: Die Rolle von Kleinstädten in Europa und Nordamerika

Globales Denken in der Provinz: Die Rolle von Kleinstädten in Europa und Nordamerika

Prof. Dr. Heike Mayer

Geographisches Institut der Universität Bern

Weit entfernt von den geschäftigen Metropolen gelegen, finden sich kleine Städte, die von Stadtplanern, Architekten und Politikern oft vergessen werden. Diese Kleinstädte sind weder Zentren der globalen Finanzindustrie noch Hightechstandorte. Dennoch stellen sich Kleinstädte in Europa und in Nordamerika den Herausforderungen einer schnelllebigen und globalisierten Welt. Im Vortrag soll anhand von Fallbeispielen Bewegungen, Programme und Strategien vorgestellt werden, mit denen Kleinstädte die örtliche Kulturen, Traditionen, Identitäten und Nachhaltigkeit effektiv zu fördern wissen.

Kleinstädte können besondere Orte sein, Städte mit einer eigenen Identität, die ihren Bewohnern ein lebendiges, soziales Leben ermöglichen. Sie können eine Zuflucht in einer hektischen Welt sein, Orte, deren Bewohner global denken, aber lokal handeln. Der Prozess der Globalisierung untergräbt jedoch die Besonderheit kleinstädtischer Orte und bedroht deren Vitalität und Kultur.

Der Vortrag zeigt auch, wie sich Kleinstädte den Herausforderungen einer schnelllebigen und globalisierten Welt stellen. Im Besonderen werden Initiativen vorgestellt, die Kleinstädte transnational vernetzen, z.B. die Slow City Bewegung, die Transition Town Initiative und die Market Town Initiative.

Es bleibt festzuhalten, dass Kleinstädte aktiv an wirtschaftlichen, sozialen und umweltpolitischen Initiativen arbeiten, die zur Stärkung der Nachhaltigkeit führen.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Das Ende der Stadt in Lateinamerika? Raumentwicklung im Globalisierungsprozess.

Das Ende der Stadt in Lateinamerika? Raumentwicklung im Globalisierungsprozess.

Prof. Dr. Axel Borsdorf

Institut für Geographie, Universität Innsbruck

Lateinamerika galt lange Zeit nicht nur als der am stärksten verstädterte Kulturerdteil, die Idee der Stadt war dort so präsent, dass Autoren die kulturelle Essenz Lateinamerikas in den Städten materialisiert sahen, also den iberoamerikanischen Kulturraum «im Spiegel seiner Städte» interpretieren konnten. Weil die Städte so lebendige Kristallisationspunkte des wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Lebens waren, spiegeln sich tatsächlich bis heute alle wichtigen Veränderungen auf diesen Gebieten in der gebauten Umwelt.

Dabei erfuhren die urbanen Agglomerationen Lateinamerikas gerade in den letzten Jahren gravierende Umstrukturierungen. Unter dem Einfluss der Globalisierung, aber auch endogener Entwicklungen, haben die Tendenzen zur sozialen Exklusion, zur funktionalen Fragmentierung und zur Umkehr früherer Polarisierungen stark zugenommen. Ob die Anlage von großen Wohnanlagen mit weit mehr als 50'000 Einwohnern, die ummauert, mit bewachten Stadttoren versehen und über private Autobahnen, die nur von den Bewohnern benutzbar sind, noch der einstigen Stadtidee Lateinamerikas entsprechen oder vielmehr eine Antithese dazu darstellen, wird in diesem Vortrag diskutiert. Die bisherige stufenartige  Stadtentwicklung seit der Kolonialzeit dient hierbei als Referenzfolie.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Die ausgewechselte Landschaft - Vom Umgang der Schweiz mit Ihrem Lebensraum

Die ausgewechselte Landschaft - Vom Umgang der Schweiz mit Ihrem Lebensraum

Dr. Gregor Klaus

Geograph und Wirtschaftsjournalist

Bei einer Fahrt von Basel nach St. Gallen hat man den Eindruck, die Schweiz bestehe vor allem aus «Nicht-Orten»: Monotones Agrarland, Fichtenplantagen, Strassenkreuzungen, Verkehrskreisel, Gewerbegebiete, Lagerhallen, Baumärkte, Konsumtempel, Möbelläden, Asphalt, Beton. Der Journalist Jörg Albrecht schrieb einmal treffend: «Keiner sieht hin. Niemand ist zuhause.» Alles ist wie vom Reissbrett oder aus dem Musterkatalog. Es sind kaum noch regionale Unterschiede auszumachen.

Der Vortrag dokumentiert mit vielen Bildern die Entwicklung der Schweizer Landschaft während der letzten zwei Jahrhunderte. Der Charakter der traditionellen Kulturlandschaft in unserem mitteleuropäischen Raum entstand durch menschliche Nutzungen, wobei das Schöne und Wirtschaftliche meistens nicht im Widerspruch zueinander standen, sondern sich gegenseitig ergänzten. Jedes Landschaftselement, jeder Flurname erzählte eine eigene und spannende Geschichte, die der Mensch jederzeit abrufen konnte. Die Landschaft hat damit ein echtes Gedächtnis. Doch das Langzeitgedächtnis der Landschaft droht zu erlöschen. Mittlerweile sind fast alle Kulturgrenzen in der Landschaft bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Die meisten Landschaftselemente wurden beseitigt. Nachdem man im letzten halben Jahrhundert die Landschaft mehr oder weniger nur als ökonomisches Potenzial betrachtet hat, wird die Abwesenheit einer «geistigen Dimension» spürbar.

Wir müssen wieder lernen, Landschaften zu lesen, Strukturen zu erkennen. Wir müssen ein Gefühl für die Wohnlichkeit der Landschaft bekommen. Die totale Auswechslung der Landschaft ist keine Zukunftsperspektive, sondern ein Armutszeugnis. Für die meisten Sektoren und Akteure wird gezeigt, wie ein nachhaltiger Umgang mit der Ressource Landschaft aussehen sollte.

Donnerstag, 10. Februar 2011

Die Mongolei - bald zu klein für die Mongolen? Fragile Landschaften unter Nutzungsdruck

Die Mongolei - bald zu klein für die Mongolen? Fragile Landschaften unter Nutzungsdruck

Lic. geogr. Katharina Conradin

seecon gmbh Basel

Die Mongolei – gelegen zwischen der ehemaligen Grossmacht Russland und dem bevölkerungsreichsten Staat der Erde, China – ist das Land mit der weltweit niedrigsten Bevölkerungsdichte. Lange Zeit bestand eine fragile Balance zwischen der nomadisch lebenden Bevölkerung und den zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen für Mensch und Tier, auch wenn diese spärlich waren und das Klima harsch.

Verschiedene Entwicklungen während der letzten 100 Jahre haben dazu jedoch geführt, dieses Gleichgewicht aus der Balance zu bringen: Nach der Übernahme sozialistischer Bewirtschaftungsmethoden ab ca. 1920 kam es zu einem raschen Ansteigen der Viehbestände. In Verbindung mit einem starken  Bevölkerungswachstum und dem zunehmenden Sesshaftwerden der Bevölkerung führte dies vielfach zu Überweidung und Desertifikation. Landflucht und das damit verbundene Wachstum der Städte, speziell der Hauptstadt Ulan Bator, Erzabbau und in letzter Zeit verstärkte Klimaschwankungen verschärfen zudem das Problem der Wasserverfügbarkeit, das in weiten Teilen der Mongolei sowieso ein knappes Gut ist. Diese Entwicklungen – Überweidung, Desertifikation, Wassermangel, Umweltverschmutzung durch Erzabbau und Grossstädte – gefährden in zunehmendem Masse die knappen Ressourcen und damit die Lebensgrundlage der Mongolen. Auch Kamele werden in der Mongolei als Weidetiere gehalten - sie produzieren Milche, eine hochwertige Wolle und sind äusserst zäh und widerstandsfähig.

Donnerstag, 3. März 2011

Landschaften unter Stress: Die Zwei-Grad-Grenze der Erwärmung

Landschaften unter Stress: Die Zwei-Grad-Grenze der Erwärmung

Prof. Dr. Nikolaus Kuhn

Geographisches Institut der Universität Basel, Abteilung Physiogeographie und Umweltwandel

Weltklimarat, Politiker und namhafte unabhängige Wirtschaftswissenschaftler raten zu einer Eindämmung der globalen Erwärmung auf 2° Celsius. Ein höherer Temperaturanstieg, so wird befürchtet, löst katastrophale und unumkehrbare Veränderungen im globalen Ökosystem aus. Kritiker der 2°-Grenze weisen darauf hin, dass die komplexe Funktionsweise von Landschaftssystemen nicht mit einem einzelnen klimatologischen Parameter erfasst werden kann, v.a. wenn dieser einen Zustand beschreibt, der in dieser Form auf der Erde noch nicht stattgefunden hat. Ausserdem wird bemängelt, dass die Folgen des bisher beobachteten Klimawandels aufgrund der Trägheit und Pufferkapazität noch unterschätzt werden. So rät der namhafte NASA-Physiker James Hansen, die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre auf 350 ppm zu reduzieren, „wenn die Menschheit den Planeten in einem Zustand bewahren möchte, der dem ähnelt, an den Zvilisation und Ökosysteme angepasst sind“.

Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Bedeutung der 2°-Grenze stellt Nikolaus Kuhn Arbeiten aus Israel, Spanien und den Alpen zu den Folgen von Klima- und Umweltwandel vor. Im Mittelpunkt steht die Identifikation von den im regionalen Kontext relevanten Klimavariablen. Abschliessend werden Prognosen der Folgen von Klimawandel, insbesondere für die Landbedeckung im Gebirge und Trockengebieten, kritisch analysiert.


GEOGRAPHISCH- ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL - gegbasel.ch