Donnerstag, 22. September 2011 - 18:15 Uhr

Wetter, Klima, Katastrophen - Perspektiven zur historischen Klimaentwicklung der letzten 100 Jahre in Mitteleuropa.

Wetter, Klima, Katastrophen - Perspektiven zur historischen Klimaentwicklung der letzten 100 Jahre in Mitteleuropa.

Professor Dr. Rüdiger Glaser
Institut für Physische Geographie der Universität Freiburg

Katastrophale Hochwasser, die über das uns heute bekannte Ausmass hinaus gingen, Stürme und Orkane, die ganze Wälder abräumten oder Küsten unter Wasser setzen und Tausende Opfer forderten, Tornados sowie kalte und warme Klimaphasen waren, wenn man die 1000 Jahre Klimaentwicklung in Mitteleuropa Revue passieren lässt, die Normalität.
Wie stehen diese Erkenntnisse in Relation zu den modernen belegten und prognostizierten Klimaänderungen? Was verraten uns historische Analysen? Während viele Bewertungen zum Klimawandel auf naturwissenschaftlichen Daten basieren, eröffnet die Auswertung gesellschaftlicher Archive andere und neue Einsichten. Was man erfährt, sind eindrucksvolle Hinweise zum langfristigen Gang des Klimas, aber auch lebensnahe Bilder von der Klimawahrnehmung und Informationen zu den Folgen und Anpassungsstrategien der Menschen.

Donnerstag, 20. Oktober 2011 - 18:15 Uhr

Die Himmelsscheibe von Nebra: Zwischen Logos und Mythos

Die Himmelsscheibe von Nebra: Zwischen Logos und Mythos

Prof. Dr. Harald Meller
Direktor und Landesarchäologe, Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen Anhalt mit Landesmuseum für Vorgeschichte Halle.

Die Himmelsscheibe von Nebra zählt zu den bedeutendsten archäologischen Funden des letzten Jahrhunderts. Sie ist Teil eines Hortfundes, der um 1600 v. Chr. auf dem Mittelberg bei Nebra in Sachsen-Anhalt niedergelegt und dort im Juli 1999 von Raubgräbern entdeckt wurde. Nachdem die Himmelsscheibe und ihre Beifunde über fast drei Jahre lang in der Kunsthändlerszene die Käufer
wechselte, konnte das Fundensemble im Februar 2002 in der Schweiz durch Behören sichergestellt werden. Seit 2008 sind die Funde nun dauerhaft im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle zu sehen.

Die bronzene Scheibe selbst war über viele Generationen im Gebrauch. Das Himmelsbild wurde während dieser Zeit, wahrscheinlich sobald sie in die Hände neuer Besitzer gelangte, mehrfach grundlegend verändert. Die detailgenaue Wiedergabe komplexer astronomischer Phänomene und religiös behafteter
Symbole machen die Himmelsscheibe zu einem Schlüsselfund der europäischen Vorgeschichte. Sie ist damit einer der ältesten Belege für die erstaunlichen astronomischen Kenntnisse des Menschen am Beginn der Bronzezeit.

Prof. Dr. Harald Meller wird im Zuge seines Vortrages neben den astronomischen Zusammenhängen auch die weitreichende archäologische und kulturhistorische Bedeutung des Fundes beleuchten.

Donnerstag, 24. November 2011 - 18:15 Uhr

Ewiges (?) Eis in der Umweltgeschichte der Schweiz.

Ewiges (?) Eis in der Umweltgeschichte der Schweiz.

Professor Dr. Wilfried Haeberli
Geographisches Institut der Universität Zürich

Die Umweltgeschichte der Schweiz spiegelt einen gelegentlich eher dornenvollen Weg vom Schutz des Lebensraums über das Prinzip der nachhaltigen Ressourcen-Bewirtschaftung zu weltweit koordinierten Anstrengungen für die kommenden Jahrzehnte. Die Lebensraum-Elemente „Berg“, „Wald“, „Wasser“
und „Stadt“ haben dabei die Auseinandersetzung mit Umweltproblemen und Naturgefahren besonders stark geprägt. Geradezu exemplarisch spiegeln die wiederholten Walddebatten eine Entwicklung von der bedenkenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen über den romantischen Schutz landschaftlicher
Schönheit zur Bewahrung ökologisch wichtiger Funktionen und zu internationalen Umweltkonventionen. Der Vortrag geht in diesem Zusammenhang auf den bisher in der einschlägigen Literatur noch kaum behandelten Aspekt der Gletscher ein.

Zur Zeit der Walddebatte im 18. Jahrhundert standen ästhetische Perspektiven im Vordergrund: schön und nützlich sollte die Natur für die Schweiz des Haller’schen „Alpenmythos“ sein. Der für den Tourismus soeben entdeckte „ewige Firn“ der Gletscher wurde zu einem starken und intensiv kapitalisierten Symbol einer intakten Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Ein funktionales Naturverständnis prägte die Walddebatte im 19. Jahrhundert. Die Entdeckung der Eiszeiten und die fundamentalen Auseinandersetzungen mit der christlichen Schöpfungsidee hatten mitgeholfen, das Bewusstsein für Zusammenhänge in der Natur und die Eigenverantwortlichkeit des Menschen zu stärken.

Mit der „Anbauschlacht“ im 2. Weltkrieg und dem „Waldsterben“ im Zusammenhang mit der stark ansteigenden globalen Luftverschmutzung der Nachkriegszeit wurde im 20. Jahrhundert die zunehmend internationale Dimension sichtbar. Der massive Gletscherschwund als „unique demonstration object“ für
den Klimawandel trat aber erst gegen die Jahrtausendwende voll ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Die Wald-, Gletscher- und Umweltdebatten im 21. Jahrhundert werden wahrscheinlich besonders hinsichtlich schwindender Freiheitsgrade für Entscheidungen bei beschleunigender Entwicklung, zunehmender Komplexität des Risikomanagements, knapper werdender Ressourcen und ernster Aspekte der Irreparabilität geführt werden müssen.

Donnerstag, 15. Dezember 2011 - 18:15 Uhr

Klima, Wetter, Menschheitsentwicklung - von der Eiszeit bis in das 21. Jahrhundert.

Klima, Wetter, Menschheitsentwicklung - von der Eiszeit bis in das 21. Jahrhundert.

Prof. Dr. Frank Sirocko
Institut für Geowissenschaften, Universität Mainz

Die Klimaentwicklung in Mitteleuropa wird für die gesamten letzten 50’000 Jahre aus den Sedimenten der Maare der Eifel rekonstruiert. Die Vegetationsentwicklung über diesen Zeitraum vom Beginn der letzten Eiszeit bis heute zeigt sich in den Sedimenten durch Pollen und pflanzliche Reste. Die frühen
Menschen waren mit ihren Jagdtechniken insbesondere von der Vegetationsbedeckung abhängig, denn diese bestimmt das Jagdwild. Treibende Kraft der Klimaentwicklung in jener Zeit war der Wärmetransport vom Atlantischen Golfstrom und die Nähe der kontinentalen Inlandgletscher.

Seit etwa 5600 Jahren vor heute finden sich in den Sedimenten Getreidepollen, d.h. der Ackerbau beginnt in der Region. Die Besiedlung wird in der Bronzezeit dichter, aber einzelne Extremwetterereignisse, z.B. nach grossen Vulkanausbrüchen oder zu Zeiten schwacher Sonnenaktivität, stellen echte Bedrohungen für die bäuerlichen Kulturen dar.

Das 20. Jahrhundert war im Vergleich zu allen diesen natürlichen Klimaextremen und Wetterereignissen sehr gemässigt und ausgeglichen. Mit der Wende zum 21. Jahrhundert zeichnet sich dann aber wieder eine Häufung von Extremereignissen ab, allerdings ganz anderer Natur als in den Jahrhunderten davor, als vor allem Kälteeinbrüche eine Bedrohung darstellten. Die extrem heissen Sommer und Hochwasser der letzten Jahre sind so in der Vergangenheit nicht zu beobachten und weisen tatsächlich auf einen neuen Faktor im Klimasystem der Erde.

Was lernen wir nun aus der Vergangenheit? Die Ursachen der Klimaanomalien damals waren andere als heute, die Auswirkungen auf die Menschen aber sind sehr viel direkter. Klima und Wetter waren eine echte Bedrohung - und werden es auch im 21. Jahrhundert sein.

Samstag, 21. Januar 2012 - 11:00 Uhr

Führung: EigenSinn – inspirierende Aspekte der Ethnologie.

Führung: EigenSinn – inspirierende Aspekte der Ethnologie.

Dr. Anna Schmid
Direktorin Museum der Kulturen Basel

Das Museum der Kulturen wird im September 2011 nach über zwei Jahren Bauzeit seine Tore wieder öffnen. Der Museumshof wurde neu gestaltet, das Haus erweitert und alle Räume saniert. Das sind hervorragende Voraussetzungen, um auch die Ausstellungen und die inhaltliche Arbeit neu zu gestalten. In der Führung werden die programmatischen Überlegungen zur zukünftigen Arbeit des Hauses anhand der Ausstellungen vorgestellt.

Es werden drei Ausstellungen zu sehensein: Die erste mit dem Titel „Eigen-Sinn“ setzt sich mit fünf zentralen Aspekten der Ethnologie auseinander. Diese sind Zugehörigkeit, Handlungsfähigkeit, Raum, Wissen und Inszenierung. Die zweite - „Chinatown“ - zeigt anhand von Fotografien und Objekten sowohl
Fantasien und Klischees, aber auch Realitäten dieser eigenständigen Quartiere, die weltweit vorkommen. In der dritten Ausstellung „On Stage – die Kunst der Pekingoper“ wird die inzwischen zur nationalen Ikone der VR China avancierte Form der darstellenden Künste auf ihre Codes und auf ihr Transformationspotential hin befragt.

Das Museum ist in erster Linie ein Medium des Visuellen; die Titel und Themen mögen Assoziationen hervorrufen, die Anschauung aber – also das Objekt direkt vor Augen – birgt einen anderen Zugang in sich. Dieser soll in der Führung im Vordergrund stehen.

Donnerstag, 16. Februar 2012 - 18:15 Uhr

Bevor Kolumbus kam: Prähistorische Landnutzung und Umweltentwicklung im bolivianischen Amazonasgebiet.

Bevor Kolumbus kam: Prähistorische Landnutzung und Umweltentwicklung im bolivianischen Amazonasgebiet.

Professor Dr. Heinz Veit
Geographisches Institut der Universität Bern

Das Amazonasgebiet ist bis heute voller Mystik. Mit den Spaniern kamen vor rund 500 Jahren auch Legenden über die ursprüngliche indianische Bevölkerung nach Europa, von den kriegerischen „Amazonen“ bis hin zum sagenhaften „El Dorado“. Francisco de Orellana, der 1541 n. Chr. den Amazonas auf seiner ganzen Länge vom Andenrand bis zur Mündung in den Atlantik befuhr, schätzte die damalige Bevölkerung auf 100 Millionen! Wäre die Existenz – und die Ernährung – so vieler Menschen überhaupt möglich? Spätestens seit dem Niedergang der grossen Plantagen in Brasilien in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass tropische Böden für eine Intensiv- oder Dauerlandwirtschaft meist ungeeignet sind.

Mit dieser Erkenntnis, verbunden mit sehr spärlichen archäologischen Befunden, hat sich über Jahrzehnte ein anderes Bild der präkolumbischen Bevölkerung entwickelt. Demnach war das mit 7 Mio. km² grösste Flusseinzugsgebiet der Erde ursprünglich sehr dünn besiedelt. Im Unterschied zu den Hochkulturen in den Anden und in Mittelamerika (z.B. Inkas, Mayas, Azteken, Tiwanaku) schloss man für das Amazonasgebiet wegen der ungünstigen naturräumlichen Vorraussetzungen hohe Bevölkerungsdichten und agrarische Nutzung aus. Der Regenwald und die Savannengebiete waren nach dieser Vorstellung weitgehend vom Menschen unberührt, ein tropisches Paradies mit Jäger- und Sammlerkulturen, das seit der spanischen Kolonisierung bis heute ausgebeutet und zunehmend zerstört wird.

Aber auch dieses Bild des Amazonasgebietes gerät wieder ins Wanken. In den Regenwäldern und Savannengebieten werden immer häufiger merkwürdige Strukturen entdeckt. Es handelt sich allesamt um Erdbauten unterschiedlichster Formen. Sie sind von Menschen gemacht und gehören wohl alle in die Zeit vor Ankunft der Spanier. Meistens werden diese Strukturen bereits nach oberflächlicher Analyse hinsichtlich ihrer Nutzung vorschnell interpretiert und dann auch sehr spekulative Hochrechnungen über die ehemalige Bevölkerungsdichte gemacht. So kommen denn einige Wissenschaftler zu dem Schluss, der Amazonas sei vor 1000-2000 Jahren eine intensiv genutzte „Gartenlandschaft“ gewesen, mit sesshafter Lebensweise, agrarischer Landnutzung, komplexen, strukturierten Gesellschaften und hoher Bevölkerungsdichte. Damit ist dann letztlich die Frage und die Suche nach dem „indianischen Wissen“ verbunden, das eine nachhaltige Landnutzung und die Ernährung einer grossen Bevölkerung ermöglicht hätte. Im Hinblick auf die heutigen und zukünftigen Probleme im Amazonasgebiet bzw. hinsichtlich der Landnutzung in tropischen Gebieten ist dies natürlich generell eine äusserst spannende und aktuelle Frage.

Im Vortrag wird der geoarchäologische Kenntnisstand und der Spannungsbogen zwischen präkolumbischen „Gartenlandschaften“ und „unberührter Natur“ aufgrund erster Ergebnisse unseres seit
2009 vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Projektes im bolivianischen Amazonasgebiet diskutiert. Dabei scheinen Umweltveränderungen der letzten Jahrtausende keine unbedeutende Rolle gespielt zu haben. Auf diese Mensch-Umwelt-Beziehungen wird im Vortrag eingegangen.

Donnerstag, 15. März 2012 - 18:15 Uhr

Geschichte der Vegetation – 7000 Jahre menschenbestimmt!

Geschichte der Vegetation – 7000 Jahre menschenbestimmt!

Prof. Dr. Stefanie Jacomet
Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie, Universität Basel

Die produzierende Wirtschaftsweise mit Ackerbau und Viehzucht erreichte Mitteleuropa vor rund 7500 Jahren. Diese Art der Lebensweise wurde unter anderem im Gebiet des sog. „fruchtbaren Halbmondes“ erfunden, wo um 10'500 Jahren vor heute die ersten Pflanzen und Tiere domestiziert wurden, die dann nach und nach auch nach Mitteleuropa gelangten (u.a. Rind, Schaf, Ziege, Schwein und verschiedene Formen des Weizens, Gerste, Erbse, Lein).

Mit der bäuerlichen Wirtschaftsweise begann in Mitteleuropa die Umformung einer unterhalb der Waldgrenze weitgehend bewaldeten Landschaft in eine Kulturlandschaft. Die Erforschung ihrer frühen Geschichte erfolgt durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von ArchäologInnen und BiologInnen. Zum einen liefern Pollendiagramme aus Mooren ausserhalb von Fundstellen („offsite“) Hinweise auf Landschaftsveränderungen, die durch Mensch und Vieh erfolgt sind. Zum anderen geben uns Pflanzenfunde von archäologischen Ausgrabungen („on-site“) sehr direkte Hinweise auf die Art der Nutzung der Landschaft und ihr mögliches Aussehen.

Der Vortrag befasst sich vor allem mit den Ergebnissen der letzteren Disziplin, der Archäobotanik. Im Fokus steht dabei die Basler Region, die als Modellfall für Mitteleuropa gelten kann. Ergänzt werden diese Ergebnisse durch zahlreiche Untersuchungen von sog. Pfahlbausiedlungen des Mittellandes. Die Basler Archäobotanik-Forschungsgruppe hat solche Forschungen in den letzten 30 Jahren in grosser Zahl durchgeführt. Damit kann die Geschichte der Kulturlandschaft recht gut nachgezeichnet werden.

Die frühesten bäuerlichen Siedlungen der Schweiz liegen an ihrem Nordrand (so unter anderem auf dem Basler Bruderholz) sowie den inneren Alpentälern (Wallis und Churer Rheintal). Sie datieren auf vor/um 5000 v. Chr. Pfahlbausiedlungen gibt es seit rund 4300 v. Chr. Deren Erforschung brachte wegen der
exzellenten Erhaltungsbedingungen für organisches Material unglaublich reiche Kenntnisse über die Versorgung mit sich. Es gab bereits verschiedene Formen der Waldwirtschaft, es wurden mehrere Kulturpflanzenarten angebaut und Haustiere gehalten. Der Ackerbau war noch kleinflächig, Sammelwirtschaft und Jagd spielten eine grosse Rolle. Die Haustiere liess man vor allem im Wald weiden. Mit Beginn der Bronzezeit, insbesondere der mittleren Bronzezeit ab 1550 v. Chr., treten neue Einflüsse auf, die vor allem in die Richtung des östlichen Mittelmeerraumes und nach Zentral- und Ostasien deuten. Neue Kulturpflanzen tauchen auf, so ursprünglich aus China stammende Hirsearten, und auch neue Wildpflanzen erreichen unser Gebiet. Der Ackerbau wird spätestens ab etwa der Mitte des 2. Jt. v. Chr. auf grösseren Feldern betrieben – und ab der späten Bronzezeit, um 1000 v. Chr., wird
erstmals eine „traditionelle“ Kulturlandschaft sichtbar, in der auch Wiesen eine Rolle spielen. Grosse Änderungen bringt die Römerzeit. Hier wird der Gartenbau endgültig etabliert und viele neue Kulturpflanzen, vor allem Obstgehölze, treten in Erscheinung. Die massiven Einflüsse aus dem Mittelmeerraum sieht man auch bei den Wildpflanzenspektren. Die maximale Diversität der Flora wird im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit erreicht.


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