Nr. 60/1

Nr. 60/1

 

Industriegeschichte und -architektur am Oberrhein

Die vorliegende Ausgabe

reflektiert, wie die immer neuen Innovationsschübe und Anpassungen an veränderte sozio-ökonomische Verhältnisse die Städte der Region wirtschaftlich und architektonisch geprägt haben und geht weiter der Frage nach, was mit diesem architektonischen Erbe geschehen soll.

 

 

 

 

lndustriearchitektur am Oberrhein.

Mark Funk

Im Wettbewerb um Fachkräfte gewinnen gewerbliches Bauen und zukunftsweisende Industriearchitektur an Relevanz. Weil sich durch die dynamischen Fertigungs- und Arbeitsprozesse die Standortentwicklungen verändern, sind Architektur und Sadtplanung aufgefordert, optimal angepasste Raumkonzepte zu entwickeln, die im Zeitalter der Wissenökonomie und Digitalisierung tragfähig sind. Die Gewerbeflächenentwicklung in der Postmoderne findet dabei nicht mehr ausschliesslich auf der grünen Wiese statt. Insbesondere dort, wo Wissen und Kreativität einen besonderen Beitrag zur Wertschöpfung von Unternehmen leisten, werden urbane Standorte gesucht. Aber auch produzierenden Unternehmen wird dank des Einsatzes neuer Technologien und flexibler Fertigungsprozesse die Rückkehr in die Stadtzentren ermöglicht. Beispiele moderner Industriearchitektur und nachhaltiger Standortentwicklungen lassen sich auch in Sdbaden, im Elsass und in der Nordwestschweiz finden.


Die Textilindustrie am Oberrhein. Von der Leitbranche der
lndustrialisierung zum Nischenanbieter und Bewahrer der
lndustriearchitektur.

Ernst-Jürgen Schröder

 

Mit der seit Herbst 2018 wohl definitiv bei KBC in Lörrach feststehenden Verlagerung der Produktion mit rund 200 Arbeitsplätzen (von zuletzt noch 330) nach Como trifft die seit Jahrzehnten anhaltende Strukturkrise in der Textilwirtschaft erneut den Traditionsbetrieb seines Genre mit über 250jähriger Geschichte, der seit 2017 zu dem italienischen Imprima-Unternehmensverbund mit Sitz in Como gehört. Damit drohen auch die letzten Rudimente der einstigen Leitbranche der Industrialisierung am trinationalen Oberrhein, aus der heraus sich über das Scharnier der Farbenproduktion (1859) die Chemische und Pharmazeutische Industrie und letztendlich das heutige international führende Life-Science-Cluster Basel als entscheidende Wohlstandsbringer der Region entwickelt haben, wegzubrechen. Über 70% des Erbes der einst dominierenden Textilindustrie im Elsass wie im Wiesental sind unwiederbringlich verloren. Umso mehr gilt es, die letzten Zeugen dieser industriellen Vergangenheit vor einem Verlust zu bewahren und das öffentliche Bewusstsein für dieses reiche industrielle Kulturerbe zu sensibilisieren. 


Erinnerungsorte von Basler Protoindustrien.

Dominik Wunderlin

 

Basel wird heute rasch und zu Recht mit der Pharmaindustrie in Verbindung gebracht. Daneben sind das Transportgewerbe und das Finanzwesen wichtige Säulen des Wohlstandes der Rheinstadt. Zum Reichtum trugen früher und über Jahrhunderte in durchaus unterschiedlicher Stärke – die Papiermühlen und der Buchdruck, der Gewürz- und Tabakhandel sowie vor allem die Seidenbandfabrikation bei. Vieles verdanken wir Akteuren mit Migrationshintergrund. Sie haben vor allem in der Kernstadt manchen Bauzeugen hinterlassen. Weniger sichtbar sind die Zeugnisse jener Menschen, die mit ihren Händen zum Erfolg der Unternehmer beigetragen haben. 


 

Die Entwicklungsgeschichte des Life Sciences-Clusters in der
Region Basel.

Thomas Vogel

 

Die Region Basel ist einer der weltweit führenden Standorte in den Life Sciences, geprägt durch ein Cluster mit rund 750 Unternehmen und Organisationen. Dieses Cluster blickt auf eine 500 Jahre lange Entwicklungsgeschichte zurück, die in diesem Artikel nachgezeichnet und analysiert wird. Grundlage dafür ist eine evolutionäre Sichtweise anhand des Konzepts der industriellen Entwicklungspfade von Storper & Walker (1989). So hat die Region in den letzten Jahrhunderten verschiedene industrielle Zyklen durchlaufen. Auslöser war die Seidenbandindustrie im 16. Jahrhundert, gefolgt von der Farbstoff- und der chemischen Industrie über die Pharmazie hin zu den Life Sciences. Dabei ist es stets gelungen, am Ende eines Zyklus einen wirtschaftlichen Niedergang zu vermeiden und die Unternehmen und Arbeitskräfte vor Ort in den neuen Schwerpunkt einzubinden. 


 

lndustriearchäologie und lndustrietourismus im Elsass
Zu Typen und Folgenutzungen des industriellen Erbes.

Rudolf Michna

Trotz seiner langen industriellen Vergangenheit begann im Elsass erst spät die Aufarbeitung des industriellen Erbes und seine Wahrnehmung als ein touristisches Potential. Am Beispiel einzelner Entwicklungstypen werden Unterschiede in Architektur und Standorten von Industrieanlagen beschrieben. Die stillgelegten Fabriken und Areale haben sehr unterschiedliche Folgenutzungen erfahren. 


 

Die Gartenstadt in Weil am Rhein - Probleme e¡nes heute unter
Denkmalschutz stehenden Stadtteils.

Jörg-Wolfram Schindler

Die zu Anfang des 20. Jahrhunderts in Weil am Rhein auf der Leopoldshöhe erbaute Gartenstadt gehört zu den wenigen dieser Siedlungsviertel in der Bundesrepublik Deutschland, die weitestgehend erhalten geblieben sind. Selbst die zu jeder Wohneinheit gehörenden Grünparzellen haben hier überdauert. Anfangs war die Gartenstadt zur Aufnahme von Angehörigen der Badischen Staatsbahn vorgesehen, später kamen aber auch Zollbedienstete hinzu. Das Viertel entwickelte sich zu einem eigenständigen lebendigen Bereich der Kernstadt, der als durchaus wesentliches Glied in der Westentwicklung Weils anzusehen ist. Erst 1990 wurde der grösste Teil der Gartenstadt unter Denkmalschutz gestellt. Hier wird durch detaillierte, sehr strenge Vorgaben versucht, das äussere Erscheinungsbild der Siedlung so originalgetreu wie möglich zu erhalten. Als problematisch erweisen sich dabei die Besitzverhältnisse, die sich dank eines auch in der Gartenstadt kräftig tätigen Immobilienmarktes erheblich verschoben haben, wobei die Grundstücke durchweg in Privateigentum übergegangen sind. Die vom Denkmalschutz erlassenen Gebäuderichtlinien verlangen von den Gartenstadtbewohnern erhebliche Einschränkungen in der freien Gestaltungsmöglichkeit ihres Eigentums ab. Dennoch ist die Nachfrage nach Immobilien dort sehr hoch. Grössere Probleme, die die Akzeptanz der Gartenstadt beeinträchtigen, machen derzeit die Verkehrsverhältnisse, die sich aus der Lage des Viertels, den dort bestehenden relativ engen Strassen, insbesondere aber durch den mit dem Denkmalschutz zusammenhängenden verschärften Abstellmöglichkeiten der Autos ergeben.

 

GEOGRAPHISCH- ETHNOLOGISCHE GESELLSCHAFT BASEL - gegbasel.ch